Asatsuyu, Yutaka Midori und Yabukita auf der Insel Kyushu

Gestern zog es uns nun Richtung Süden. Wie verließen unser kleines Holzhäuschen in Kyoto, das wir für eine Woche unser Zuhause nennen durften, und sind nun schon zwei Tage auf der südlichsten Hauptinsel Kyushu unterwegs. Wir haben damit gerechnet, dass es hier schon wärmer sei und auch die Pflanzen bedeutend weiter in ihrer Entwicklung sind, aber so groß sind die Unterschiede nicht. Hier auf Kyushu  schauen wir uns an den ersten Tagen einige neue Bio-Teegärten an.

Berg-Teegarten auf der Insel Kyushu

Jeder Teegarten hat seinen ganz eigenen Geschmacks-Charakter, einmal natürlich durch den Anbau verschiedener Teestrauch-Varietäten, unterschiedliche Düngung, aber natürlich auch aufgrund des unterschiedlichen Terroirs, also dem Boden, der Lage und Ausrichtung des Teegartenstandortes, beziehungsweise der einzelnen Teegarten-Parzellen. Hinzu kommen natürlich die Vorstellungen des Teegartenbesitzers und Verantwortlichen der Vor- und Endverarbeitung. Bei den kleinen Familienbetrieben handelt es sich dabei oft um ein und dieselbe Person, dessen Geschmacksideale den Tee stark prägen. So entstehen Charaktertees.

Lebendiger Boden: Eine wichtige Voraussetzung für guten Tee

An unserem ersten Kyushu-Tag schauen wir uns einen Teegarten an, der für japanische Verhältnisse schon sehr weit oben gelegen ist. Die meisten seiner Parzellen liegen auf über 400 Metern, weitere auf immerhin 300 Metern über dem Meer. Für japanische Verhältnisse spricht man da schon von Bergtee (Yama-cha). Die Tee-Pflanzen treiben hier, aufgrund des kühlen Klimas in den Bergen entsprechend spät aus, obwohl wir uns auf Kyushu, also eigentlich auf der wärmsten Hauptinsel Japans befinden.

Die frühe Teestrauch-Varieträt Asatsuyu auf 400m über dem Meer (Kyushu, 20.04.2017)

Natürlich fragten wir aus Interesse für unseren Shincha-Blog auch nach dem voraussichtlichen Erntezeitpunkt. Dieser liegt bei den auf 400m gelegenen Parzellen voraussichtlich um den 3. bis 4.Mai. Gemeint ist hier natürlich lediglich der erste Erntetag. An diesem Standort wird dann mit der Ernte der frühen Teestrauch-Varietät Asatsuyu begonnen. Der früheste Tee wird in diesem Teegarten jedoch auf der Parzelle bei 300m schon um den 28. April herum geerntet. Beide Strauchsorten liegen von ihrem durchschnittlichen Erntezeitpunkt bzw. Wachstumsbeginn im Frühjahr etwa gleich auf. Allein die Lage der Teegarten-Parzellen ist hier für den Unterschied verantwortlich.

Die frühe Tee-Strauch-Varietät Yutaka Midori auf 300m über dem Meer (Kyushu, 21.04.2017)

Am Freitag besuchten wir einen zwar ebenso idyllisch, aber weniger hoch gelegenen Bio-Teegarten. Er liegt auf etwa 110 bis 150m über dem Meer. Hier ist es heute recht feucht-warm und es fliegen viele Insekten. Was uns aber neben dem phantastischen Ausblick in die üppige Natur besonders beeindruckt, sind die vielen verschiedenen Vogelstimmen, die wir hier von allen Seiten hören dürfen.

Dieser Teegarten ist bisher eher auf neutrale, also weder früh noch spät austreibende und spät austreibende Teestrauch-Varietäten ausgerichtet. Die früheste Sorte ist auch hier die Yutaka Midori, von der es aber nur eine kleine Teegarten-Parzelle gibt. Durch einige Neuanpflanzungen wird sich das Verhältnis aus frühen und späten Sorten hier aber in den nächsten Jahren vermutlich noch ändern.

Yabukita-Teesträucher in der Abendsonne auf etwa 120m über dem Meer (Kyushu, 21.04.2017)

Wir wollen noch nicht zu viel vorweg nehmen, aber vielleicht gibt es ja bald noch ein paar neue sehr spannende Tee-Sorten. Wir halten Euch auf dem Laufenden.

Zugfahrt von Nagoya nach Kagoshima

Heute ist bereits die Zeit gekommen, unsere Reise in den Süden anzutreten. Durch das schwere Erdbeben in der Region um die Stadt Kumamoto herum, die in der gleichnamigen Präfektur liegt, ist die Shinkansen-Strecke bis auf weiteres gesperrt, und ebenso die Expressstrecken, die durch Kumamoto hindurchführen. Um nach Kagoshima zu kommen, müssen wir daher einmal um die ganze Insel Kyushu herumfahren. Ursprünglich hatten wir geplant, noch am selben Tag von Nagoya, wo wir bisher unsere Unterkunft hatten, bis zu Insel Yakushima zu kommen. Durch die Zugstreckensperrung schaffen wir es so nur bis zur Stadt Kagoshima, wo wir also übernachten werden. 12 Stunden sind wir im Zug unterwegs, legen über 1.200 km zurück und hoffen bei jeder Etappe, dass nicht das nächste Nachbeben oder die heftigen Regenfälle auch die Gleise in der Gegend um Oita oder Beppu herum beschädigen.

Natürlich haben wir uns schon bei unserer Ankunft in Japan so schnell wie möglich bei all unseren Teegärten und anderen Partnern in Kyushu gemeldet, um nachzufragen, ob dort alle die Erdbeben soweit gut überstanden haben. Wie leicht nachzuvollziehen ist, sind alle etwas aufgeregt, da die Beben zum Teil sehr stark waren und bekanntlicherweise großen Schaden angerichtet haben, ja sogar viele Menschleben gefordert haben. Von mehreren unserer Teegartenfamilien, die sich auch um uns gleich ziemlich Sorgen machten, erhielten wir sofort das Angebot, dass sie uns helfen möchten, einen Weg nach Kyushu zu finden, falls die Züge komplett ausfallen würden, und Narieda Shinichiro bot uns sogar gleich an, uns mit seinem Auto zu fahren. Natürlich baten uns alle auch so vorsichtig wie möglich zu sein. Am Bahnhof riet man uns an, vielleicht besser nicht nach Kyushu zu fahren, doch unsere Partner in Kyushu nicht zu besuchen, kommt für uns nicht in Frage. Schließlich arbeiten wir schon so viele Jahre mit ihnen zusammen, und wir sind uns sicher, dass sie die letzten Nachbeben noch genauso gut überstehen werden wie wir, während wir bei ihnen in den kommenden Tagen zu Besuch sein werden.