Ein Tag ganz der Keramik gewidmet

Wir werden von der Sonne geweckt. Es ist ein wunderschön-sommerlicher Tag und wir freuen uns diesen ganz der Keramik zu widmen. Im vergangenen Jahr hatten wir das Glück zwei Keramiker kennenlernen zu dürfen, deren künstlerischer Werdegang und deren Stilrichtungen kaum kontrastreicher sein könnten, ganz besonders auch, was den Stil ihrer Matchaschalen betrifft. Wir sind daher schon voller Vorfreude, beide heute wieder treffen zu können.

Vormittags führt es uns zu Yoshiko, die im letzten Jahr für uns eine Reihe von insgesamt fünf Matchaschalen-Unikaten, die jeweils einen anders dargestellten Mejiro-Vogel als Motiv tragen, mit dem Pinsel bemalt hat. Die über 80-jährige Künstlerin hat in den 1960er  angefangen sich mit Keramik zu beschäftigen. Zu dieser Zeit bis Anfang der 1980er Jahre hat sie selbst Matchaschalen, Yunomi und andere Keramik für die Teezeremonie gefertigt. Nachdem jedoch Anfang der 80er Jahre ihr Sohn beschloss selbst Töpferei zu studieren, zog sie sich aus dem künstlerischen Bereich der Keramik zurück, mit den Gedanken, ihr Sohn möge sich in der Welt der Keramik ganz frei entfalten, ohne von ihr beeinflusst zu werden. Seitdem konzentriert Yoshiko sich auf die Bemalung von Matchaschalen.

Neben zwei von Yoshiko bemalten Matchaschalen finden wir einen kleinen Gegenstand dessen Funktion uns zunächst einmal nicht klar ist. Es handelt sich um ein kleines Wassergefäß, das man benötigt um für die Kaligraphie-Malerei Tusche anzurühren. Durch ein kleines Loch lässt sich das Wasser tröpfchenweise dosieren, sodass die Konsistenz der Tinte nicht zu trocken ist, aber auch nicht verwässert. Dietmar erinnert sich gleich daran, als er vor ein paar Jahren die Kanji-Kaligrafien für unsere Tee-Verpackungen mit dem Pinsel entwarf, wie schwierig es war das Wasser für die Kaligraphie-Tinte richtig zu dosieren. Interessant an dem Wassergefäß ist auch, dass es die erste gemeinsame Arbeit von Mutter und Sohn darstellt. Yoshiko stellte formte das winzig-kleine Gefäß, wobei ihr Sohn die besondere Glasur herstellt und auftrug. Von dieser kleinen Serie, die Ende der 1980er Jahre gefertigt wurde, ist heute nur noch ein Exemplar in der Werkstatt der beiden geblieben. Heute wechselt es den Besitzer gewechselt. Unabhängig vom praktischen Nutzen des Gefäßes, begeistern uns die Form und der Charakter der Glasur.

Keramikmeister Kato Juunidai

Den Nachmittag verbringen wir in der Werkstatt von Keramikmeister Kato Juunidai (Kurzportrait des Keramik-Künstlers Kato bei Teeraumdesigner), einem Keramik-Meister in der zwölften Generation seiner Familie. Die Geschichte der Familie zeigt auf sehr anschauliche Weise Höhen und Tiefen, sowie spannende Kehrtwenden in der japanischen Keramik-Tradition. Bis zur Generation seines Urgroßvaters stellte Familie Kato Geschirr für Kaiseki Ryori, die Mahlzeit, die einen Teil einer ausführlicheren Teezeremonie darstellt, her. Beim Kaiseki Ryori werden sehr viele kleine leichte Speisen, die kunstvoll dekoriert wurden, gereicht. Traditionell, aufgrund der Herkunft aus dem Zen-Buddhismus ist Kaiseki Ryori rein vegetarisch. Wir durften 2006 einmal in einem Zenkloster in der Nähe von Uji Kaiseki Ryori genießen. Wir erinnern uns heute noch an die Begeisterung über die Vielfalt und Schönheit der vielen kleinen Speisen, die auf wunderbar gestalteten Schälchen und Tellern dargereicht wurden.

Historische Methode um neuer Keramik Patina zu verleihen: Pflanzenbrühe zum Einfärben des Craquelés

Kato Juunidais Großvater begann erst im hohen Alter von der Tradition seiner Familie abzuweichen, und sich weniger der Keramik für Kaiseki Ryori zu widmen, an anstelle dessen seine ganze Aufmerksamkeit der Erschaffung von besonderen Matchaschalen zu widmen. Dabei verwendete er die Tonerde der Region, diese jedoch nicht, wie üblich für die Herstellung von Kaiseki Geschirr, in gereinigter Form, sondern im Zustand, wie sie in der Natur auftritt. Im Ton enthalten sind daher auch Eisenbestandteile und Silikate, wodurch die Struktur weniger geschlossen, und der Ton etwas poröser ist. Ebenso ist auch die Farbe des Tons nicht so einheitlich. Einige der Werke der 10. Generation der Keramikerfamilie Kato (Kato Juunidai) tendieren daher durch die Verwendung der unbehandelten Tonerde mehr ins Gelbliche, andere eher ins Rötliche, während der gereinigte Ton hellgrau ist. Bis zu seinem Tod entwarf Herr Katos Großvater eine Vielzahl sehr unterschiedlicher, einzigartiger Matchaschalen-Unikate, die bislang nur in einschlägigen Teezeremonie- und Künstlerkreisen bekannt sind.

Die folgende Generation der Familie-Kato, die 11. Generation (Kato Juuichidai), zu der der Vater des heutigen Herrn Kato zählt,  war im Vergleich zur den Vorfahren weniger künstlerisch motiviert. So kam es, dass der Familienbetrieb zu einer Werkstatt für die Keramikherstellung in größeren Serien umgestaltet wurde. In einer großen Fabrik fertigten zu jener Zeit viele Angestellte einfache Haushaltskeramik in großen Stückzahlen.

Mit dem sinkenden Interesse an Keramik in Japan und gleichzeitig dem immer höherem Preisdruck im Bereich der Haushaltskeramik musste der Familienbetrieb, den Herrn Katos Vater zu einen Betrieb für die serielle Keramikherstellung umgestaltet hatte, gegen Ende des letzten Jahrhunderts Konkurs anmelden. Die alte Fertigungshalle sehen wir noch verwahrlost beim Vorbeifahren, doch dies hat sein Gutes, ja es stellt sogar die Grundlage für den Charakter der Werke des heutigen Keramikmeisters Kato Juunidai, und somit für den Werdegang der 12. Generation der Künstlerfamilie dar.

Herr Kato selbst schlug bereits in seiner Jugend – heute ist er über 60 Jahre alt – einen anderen Weg als sein Vater (Kurzportrait des Keramik-Künstlers Kato bei Teeraumdesigner). Kennzeichnend für die heutige, also die 12. Generation, ist ein sehr enges Verhältnis zu seinem Großvater und die Bewunderung von dessen Werken. Gemeinsam arbeiteten die beiden an Matchaschalen (Japanisch: Chawan) und so ging das Wissen über das künstlerische Geschick vom Großvater an den Enkel über. Kato Juunidai machte sich zur Aufgabe die Töpfereitradition seiner Familie wiederzubeleben und weiterzuführen, also auch sich der Publikation der Werke zu widmen. Er fertigt seine keramischen Werke nun wie in den älteren Generation wieder ausschließlich in Handarbeit. Dabei handelt es sich um einzigartige Kaiseki Keramik und Matchaschalen. Durch den Austausch mit uns im vergangenen Jahr ergab sich zudem ein neues Projekt, nämlich dass Herr Kato began, die Tradition der Matchaschalen im Stil der 10. Generation – also des Großvaters – wieder aufleben zu lassen. Die ersten Werke mit dem Hintergrund dieser Entstehungsgeschichte sind bereits auf dem Weg zu uns nach Frankfurt, und werden bald an entsprechenden Orten erhältlich sein.

 

Meister Katos Glasurtypisierung nach Glasurbestandteilen und Brenntempertur jeweils für Oxidations-und Reduktionsbrand (hier: Reduktionsbrand)

An der Geschichte der Künstlerfamilie Kato lässt sich sehr schön erkennen, wie sich die japanische Gesellschaft nach dem zweiten Weltkrieg wandelte. Von einer nach innen gekehrten eher handwerklich orientierten Richtung, über den industriellen Markt mit großen Serien, bis hin zur Rückbesinnung auf die eigenen Kulturtechniken, jedoch ohne dabei rückwärtsgewandt zu sein – gewissermaßen eine neue Interpretation und sanfte Abwandlung des Althergebrachten mit dezent eingebrachten, neuen Elementen. Herr Kato schwelgt nicht in alten Geschichten, ist weit davon entfernt Nostalgie zu verbreiten. Vielmehr hat er einen Platz für seine Keramik-Tradition in der modernen Welt gefunden und ist bestrebt sein Wissen und seine Ideen weiterzuentwickeln und mit anderen Menschen zu teilen. Wir sind begeistert von seinen Werten und Werken, und sind dankbar diese Energie mit seinen Keramiken nach Europa tragen zu dürfen.

Matcha und Teeraum-Design im Wandel der Zeit: Ein Projekt inspiriert vom Miumori Kirishima Matcha

Bei unserem Blog-Eintrag zum Miumori Kirishima Event in Paris, Oktober 2016, stellten wir bereits am Ende unseres kurzen Artikels spontan einige offene, frei aus der Luft gegriffene Fragen, bei denen es bereits in Ansätzen um das sehr weit gefasste Thema der Einbettung von Matcha in unterschiedliche Kulturen und Stilrichtungen ging, auch wenn dies aus den brainstormingartigen und etwas „provokativ“ gestellten Fragen vielleicht noch nicht ganz klar hervorgegangen sein mag. Auslöser für dieses gedankliche Spiel war eine Foto-Session mit dem Miumori Kirishima Matcha in Paris, bei dem sich der japanische, grüne Pulvertee in einer dem „Japan-Tee-Kenner“ womöglich etwas ungewohnter Umgebung präsentiert.

Wie zu jenem Zeitpunkt allerdings bereits angekündigt, haben wir begonnen, uns diesem Thema nun Schritt für Schritt tiefgehender zu widmen, zunächst einmal – eher noch im Rahmen des Brainstormings – in Form von nachfolgender Grafik (entstanden in Folge der genannten Foto-Session), die inspiriert vom Miumori Kirishima Matcha bereits kurze Zeit nach dem Event in Paris entstand, zu dem wir den Miumori Matcha präsentierten.

In the course of time - Miumori Kirishima Matcha
In the course of time – Miumori Kirishima Matcha

Zentrales Thema ist bei der Grafik die Verknüpfung der Teekultur, um den zu Pulver gemahlenem grünen Tee [ japanisch: Matcha ], mit verschiedenen Stilrichtungen im Laufe der Zeit, wobei hier fast schon provokativ mit der warnsignalartigen Farbkombination aus leuchtendem Gelb und Schwarz im Zusammentreffen des Matcha gespielt wird, der in manchen Epochen eher mit reflektierter Bescheidenheit in Verbindung gebracht wurde, und in Kontrast dazu auch immer sehr stark in der Kultur der reichen Adligen im alten Japan in luxuriösem Rahmen inszeniert wurde. Genannt sei hier zunächst nur dieser Kontrast, auch wenn sich in der Kultur des Matcha sicherlich unzählige Kontraste finden lassen würden. Matcha bewegt sich also nicht erst heute in einem verschiedene Kunstbereiche und gesellschaftliche Bereiche durchdringendem, inspirierendem künstlicherisch-kulturellem Spannungsfeld, sondern bereits seit vielen Jahrhunderten.

Um diesem Thema genauer auf den Grund zu gehen, lohnt sich ein Blick in „Der japanische Tee-Weg – Bewußtseinsschulung und Gesamtkunstwerk“ von Franzika Ehmke (1991).

Franziska Ehmcke (1991): Der japanische Tee-Weg
Franziska Ehmcke (1991): Der japanische Tee-Weg

Unter der Prämisse, dass der bevorzugte Charakter des Geschmacks des Tees auch etwas über die stilistischen Vorstellungen aussagt, beginnen wir bereits an einem recht frühen Zeitpunkt in der Geschichte, nämlich während der chinesischen Tang-Zeit (618-906). Wie auch bei Ehmcke (1991: S.11) Erwähnung findet, wurden damals „die Tee-Blätter gedämpft, in einem Mörser zerstoßen und zu einem Ziegel geformt“, wobei diese Art von Tee schließlich mit unterschiedlichen „Zutaten wie Ingwer, Orangenschalen, Reis, Salz und anderen Gewürzen“ gekocht wurde. In seinem „Klassischen Buch zum Tee“ lehnt LU YU jedoch alle diese Beigaben – mit Ausnahme des Salzes – ab. So brachte der Geschmack des Tees, dessen bitterer Akzent nun mehr zur Geltung kam, „das Einfache, das Selbstgenügsame und das Maßvolle“ zum Ausdruck.

Bereits in der Song-Zeit (960-1279) jedoch, wurde diese Art der Zubereitung abgelöst. Von nun an trat die Zubereitungsweise von zu Pulver gemahlenem Tee [ chinesisch: Mo-Cha; japanisch: Matcha ] in den Vordergrund. Zunächst werden dafür die feinen Blätter in einem Mörser oder später auch in einer Mühle, oftmals aus Stein, zerkleinert bzw. zermahlen, bis ein grünes Pulver entsteht. Dieses grüne Pulver wird dann mit einem aus Bambus hergestellten Teebesen [ Chasen ] in einer Schale mit warmen Wasser schaumig geschlagen und schließlich getrunken. Mit der Art des Tees änderte sich also auch die Art der verwendeten Utensilien.

„In der Tang- und besonders der Song-Zeit erwuchs eine künstlerisch-ästhetische Kultur, deren Zentrum der Tee-Genuß bildete, ergänzt  von sportlichen Spielen, geselligen Vergnügungen aller Art und der Tee-Literatur. Viele Elemente dieser „Tee-Kultur“ fanden später Eingang in den japanischen Tee-Weg: das Empfinden für das Einfache und Maßvolle, assoziiert mit dem bitteren Geschmack des Tees, die medizinischen und magischen Qualitäten des Tees, das gesellige Beisammensein in Tee-Gesellschaften mit ausgefeilter Etikette und künstlerischem Anspruch. Dennoch entwickelte sich in China selbst kein „Tee-Weg“ im japanischen Sinne. Dort blieb es bei einem, wenn auch höchst verfeinerten, gesellschaftlichen Ereignis oder Zeitvertreib.“

(Franziska Ehmcke 1991: S. 13)

pen Magazin 2007 "cha no yu design"
pen Magazin 2007 „cha no yu design“

Während auf dem Cover des japanischen pen Magazins von 2007, dessen Ausgabe sich mit dem Thema „cha no yu design“, also „Design der japanischen Teezeremonie“, befasst, noch ein wie gewohnt traditioneller japanischer Teeraum zu sehen ist, geht es in der Ausgabe selbst dann allerdings um die geschichtlichen Entwicklungen und Strömungen der Stile von Matchaschalen, sowie letztlich auch um zeitgenössische Teeräume.

pen Magazin 2007 zum Thema Teeraum Design
pen Magazin 2007 zum Thema Teeraum Design

Aufgegriffen werden dabei altbekannte Elemente wie die Bildrolle. Auch die Utensilien wie die Matchaschale selbst, die Wasserkelle und Kama, wirken hier wenn überhaupt nur ansatzweise abgewandelt. Doch die Struktur der Wände, die sich beim obigen Teeraum aus einzelnen Stäbchen zusammensetzt, greift lediglich auf das im Teeraum gängige Material Holz zurück, wandelt die Art des Einsatzes im Raum aber stark ab.

Franziska Ehmcke (1991: S.123) stellt eine Einteilung der Entwicklung der Teeraum-Architektur in vier Hauptphasen dar: Der erste Entwicklungsabschnitt umfasst die Zeit, während sich Teeräume noch innerhalb des Wohnkomplexes befanden („Stil vom Tee im Studierzimmer“), während bereits in der zweiten Entwicklungsphase selbständige kleine Tee-Hütten errichtet wurden, oder als Anbau errichtet wurden. Stil dieser Tee-Hütten war der Stil des „Tees der Einsiedlerhütte“ [ Japanisch: So-An = Strohhütte ]. Während der dritten Entwicklungsstufe wurden die kleinen Teeräume erweitert, und in der vierten Stufe gab es teilweise eine Rückkehr zum Teeraum im „Stil des Studierzimmers“.

Diese Einteilung sagt, ohne die einzelnen Stilrichtungen genau zu kennen, dem Leser zwar noch nicht allzu viel über das genaue Aussehen der Teeräume in den unterschiedlichen Phasen, doch lässt sich beispielsweise bereits aus der Wortwahl „Strohhütte“ herauslesen, dass sich in jener Phase das Element der bewußten Schlichtheit stark im Vordergrund befindet. Doch selbst die fast schon armselig wirkenden „Hütten“, die dem Gedanken der Einsiedlerhütte nachempfunden waren, verwendeten auch wenn dies auf den ersten Blick nicht unbedingt zu sehen ist, seltene und damit teure Materialien, und waren auch aufgrund der Kompliziertheit ihrer Konzeption sehr kostspielig. Äußerlich betrachtet stellten sie allerdings ganz offensichtlich eine Art der Abkehr von den Teewettspielen und luxuriösen Teegesellschaften im Prunk und Glanz der höfischen Welt dar.

Widmen wir uns zunächst der „Strohütte“, die Franziskia Ehmcke (1991: S.124f) folgendermaßen beschreibt:

„Das älteste noch existierende Tee-Häuschen im ‚Stil der Einsiedlerhütte‘ (sôon) ist der – traditionell RIKYÛ [Schreibung auch: RIKYU oder RIKYUU] zugeschriebene – Taian, angebaut an einen Subtempel, den Kyôkian, des Daitokuji. Beim Taian handelt es sich um einen Zwei-Matten-Raum mit ausgeschnittener Feuerstelle, Bildnische (tokonoma) und niedrigem Eingang (nijiriguchi), letzterer allerdings noch etwas höher als bei späteren sôan-Tee-Häusern. Die Wände der tokonama sind ebenso wie die rückwärtigen Pfeiler vollständig mit Lehm ausgekleidet – ein Stil, den RIKYÛ [Schreibung auch: RIKYU oder RIKYUU] entwickelte. Rechts neben der tokonoma befinden sich zwei Fenster, von denen eines als Hängefenster (kakeshôji) konzipiert ist: ein abnehmbares Papierfenster, das im Inneren des Tee-Raums vor den in der Mauer verankerten Fensterrahmen mit Bambusgitterwerk gehängt wird. Durch einen ‚angrenzenden Raum‘ (tsugi no ma) – mit einem Hängebord in einer der Ecken – gelangt man in den sogenannten Vorbereitungsraum (katte; nicht zu verwechseln mit der Küche, mizuya).

Zwischen 1583 und 1587 baute RIKYÛ [RIKYU/ RIKYUU] auch Zwei-Matten-Räume ohne tsugi no ma. Ausschließlich Lehmwände – selbst die tokonoma war mit Lehm verkleidet – begrenzten diese Räume, einzig drei Fenster, der nijiriguchi, ein gesonderter Eingang für den vom Vorbereitungsraum her eintretenden Gastgeber (neben der tokonoma) sowie ein Wandschrank für die Tee-Gerätschaften lockerten die schlichte Konstruktion auf.“

Teeraum für die japanische Teezeremonie - Neue Architektur in Tokyo
Teeraum für die japanische Teezeremonie – Neue Architektur in Tokyo

Auch im Buch „Tokyo Houses“, erschienen im Jahr 2002, das einen starken Schwerpunkt auf neue Architektur legt, und zudem, wie der Titel schon sagt, um Häuser in Tokyo geht – also einer Stadt, die an sich nicht allzu sehr für ihre Teekultur bekannt ist – findet sich das Thema der Teeraum-Architektur. Wie auf Seite 67 berichtet wird, orientiert sich das Architektenbüro, das das oben abgebildete Haus für die japanische Teezeremonie errichtet hat, an den Ausführungen des berühmten Novellisten Junichiro TANIZAKI (1886-1965) in seinem Buch „Inei Raisan“. Das hier aufgegriffene Thema ist dabei die Beziehung zwischen Licht und Schatten, das abgeschwächt durch die mit Papier bespannten Shoji von der Helligkeit der Umgebung in das Innere des Teeraums einströmt.

Doch wie ist eigentlich die Idee eines „Raumes für das Trinken von Tee, für das Trinken von Matcha“ entstanden? Um diese Frage zu beantworten, werfen wir einen Blick in das Werk „Chasho – Geist und Geschichte der Theorien japanischer Teekunst“ von Horst Siegfried Hennemann, erschienen 1994 im Harrassowitz Verlag. Bereits im zweiten Kapitel „Yoriai-Teegesellschaften der Kitayama- und die shoin-Kultur der Higashiyama-Ära“ finden wir darauf die Antwort:

„In der Nachbarschaft des Ginkaku vom Jishô-ji [die Endung ‚-ji‘ steht hierbei jeweils für ‚-Tempel‘] in Higashiyama, den YOSHIMASA in Anlehnung an YOSHIMITSUS Kinkaku vom Rokuon-ji in Kitayama erbauen ließ, errrichtete er im shoin-Stil seine Gebetshalle Tôgudô mit der viereinhalb-Matten-Klause [Klause im Sinne von ‚kleiner Raum, Häuschen] Dôjisai, die als Grundform und erstes Beispiel eines Teeraums (chashitsu) gilt.“

(Hennemann 1994: S. 58)

Benannt wird dieser erste Baustil eines Teeraums nach der Schreib- und Lesenische, die seitlich der Schmucknische [ Japanisch: tokonoma] angefügt wird. Die Idee dieser Schreib- und Lesenische [ Japanisch: tsuke-shoin ] wurde dabei der buddhistischen Tempelarchitektur entliehen. Erstmals wurde nun das buke-aristokratische Anwesen durch Schiebewände [ Japanisch: fusuma, shôji ] in Einzelräume unterteilt (Hennemann 1994: S. 58).

So entstanden Wohn- und Empfangsräume, für die es galt den entsprechenden Raumschmuck zu entwerfen. Für derartigen Raumschmuck wurde die Grundlage von Kunstgegenständen der chinesischen Song-Zeit sowie der Ming-Zeit gebildet. Benannt wurden die aus China stammenden Kunstgegenstände als „karamono„, was sie deutlich von den später zunehmend verwendeten Kunstgegenständen japanischer Herkunft unterscheidet. Gesammelt und ausgewählt wurden die Kunstgegenstände für den ersten Teeraum von den San-ami-Kunstverständigen, sowie nach Rang und Qualität klassifiziert, als auch beurteilt für ihren Verwendungszweck. Somit verkörpern diese Gegenstände die absolute Autorität der buke-aristokratischen Ästhetiknorm (Hennemann 1994: S. 58f).

Aus der gewissenhaften Abstimmung und der stilistischen Wahrnehmung der chinesischen Kunstwerke gesammelte Erfahrungen, trugen schließlich zur Entwicklung der Stilnorm „shin“ bei. Die Stilnorm shin stellt dabei einen Kontrast zur vordergründig auf Prachtentfaltung bedachten Raumgestaltung des tôcha dar, also den Teeweltspielen der aristokratischen Kreise und den dazugehörigen prunkvollen Festivitäten (frei nach Hennenmann 1994: S. 59). Wie weit ins Detail es bei den Regeln entsprechend der Stilnorm shin nun geht, wird gut aus folgendem ersichtlich:

Die Schmucknische findet in ihrer Frühform als aufgelegtes Bodenbrett (oshita) Verwendung. Ihr Schmuck erfordert vor einer fünf- oder dreiteiligen Rollbildgruppe, zumeist einem Triptychon (sampuku-ittsui), auf einem gravierten Rotlacktisch (shoku) angeordnet, unbedingt das Dreigerät des buddhistischen Altarschmucks (mitsu-gusoku): Weihrauchgefäß (kôro), Kranich Schildkröten-Kerzenständer (tsuru-shokudai) und Blumenvase (kabin), einschließlich des Weihrauchgerätes, des Löffels (kyôji), der Stäbchen (koji), des Ständers (tate) und der Weihrauchdose (kôgô) sowie seitlich links und rechts Blumenvasen. Beim fünfteiligen Gesamtschmuck (morokazari, itsutsukazari) werden Kerzenständer und Vase zum Paar links und rechts ergänzt. Je nach Größe der Schmucknische und Art des verwandten Bildmaterials können in vorgeschriebener Weise Vereinfachungen vorgenommen werden.

Die Anordnung der Schreibnische (shoin) besteht von rechts nach links aus oberhalb aufgehängter Rufglocke (kanshô) und rechts seitlich aufgelegtem Schlegel (shumoku), Schriftrolle (jiku-mono), Pinselstütze (hikka) mit Papiermesser (katana), Tusche (sumi), Pinsel (fude), Briefbeschwerer (bunchin), dann Wasserkännchen (mizuire, suiteki), Tuschstein (suzuri) mit Stellschirm (kembyô) dahinter, zwei längliche Papierbeschwerer (keisan), Stempelkasten (inrô) und Blumenvase (suibin) mit Blumen im rikka-Stil.

(Hennemann 1994: S. 60)

Ein sicherlich nicht unwichtiges Thema ist die Frage danach, wie sehr bestimmten Regeln gefolgt werden soll, oder aber wie sehr die künstlerische Freiheit ausgelebt werden kann. Bei dieser Frage geht es wohl weniger um die Frage, wie viel Freiheit bei der Durchführung der japanischen Teezeremonie angemessen ist, denn diese ist definitiv sehr eindeutig geregelt, wenn auch abhängig von der jeweiligen Strömung. Vielmehr geht es, und darum beschäftigen wir uns mit dieser Frage, um die Gestaltungsfreiheit des Teeraums als auch der dort verwendeten Utensilien, zu denen ganz wesentlich die Matchaschale gehört. Betrachten wir zu diesem Thema als Erstes einmal die Worte von ORIBE:

Im Schlußwort seiner Leitsätze, die als Ausführungsanleitung seines eigenen Teeverständnisses gegenüber dem wabi-Tee RIKYÛS zu verstehen sind, lässt er deutlich werden, dass dieses für ihn darin besteht den wabi-Tee von RIKYÛ zu individualisieren, und ihn damit zu überwinden. Für ORIBE stellt die dem Chanoyu (warmes Wasser für den Tee = Teezeremonie) innewohnende stilistische Heterogenität ein Betätigungsfeld freier künstlerischer Entfaltung dar. Während RIKYÛ [RIKYU/ RIKYUU] besonderen Wert auf eine Introvertiertheit legt, die auf Intensivierung abzielt, äußert sich bei ORIBE eine nach außen gerichtete Intensivierung, die ihren Ausdruck in der Deformation findet. Zu beobachten ist diese Art der Deformation unter anderem bei den Matchaschalen (Schöpfung der kutsugata-Matchaschale), mit kräftiger Bemahlung des Stils der ORIBE-Keramik [ORIBE-yaki] als auch bei der Wirkung bei Betrachtung des Flächenaufteilung der ‚acht-Fenster‘ der Teehausarchitektur des Hassô-an (Hennemann 1994: S. 169).

So ändert sich bei ORIBE nicht nur der Stil seiner Matchaschalen (Matchaschale im ORIBE-Stil), sondern auch der Stil des Teeraums [Japanisch: chashitsu]. ORIBE, der den Teeraum-Stil eines RIKYÛ (RIKYU/ RIKYUU) im Stil der Strohhütte [sô-an] als einengend empfindet, verlegt den Tee aus dem Teehaus in das ‚Kettenzimmer‘ (kusari no ma), einer Zwischenform von sô-an und shoin mit einem erhöhten Ehrenplatz (jôdan) für Gäste des hohen Adels und einer Schreibnische (tsuku-shoin) ritterlicher Wohnarchitektur (Hennenmann 1994: S. 169f).

 

Narieda Shinichiro – Impressionen und neue Keramik vom Besuch im Atelier in Kirishima

Lange haben wir uns auf den diesjährigen Besuch bei Narieda gefreut. Wie bereits von den letzten Jahren gewohnt erwartet uns Narieda Shinichiro in seinem Atelier in Kirishima, wo wir jedoch nicht als erstes seine keramischen Werke bewundern, sondern erst einmal gespannt seine philosophischen Ausführungen verfolgen dürfen. Heute geht es um die Boomerang-Theorie, die es sicherlich wert wäre hier genauer erläutert zu werden, doch da es sich hier um einen Tee-Blog handelt, bleibt dieses Detail der Lebensphilosophie des Keramikers doch erstmal noch ein Geheimnis derjenigen, die dieses Jahr mit beim Besuch bei Narieda dabei waren.

Narieda Shinichiro erklärt sein Philosophie bevor er seine Matchaschalen zeigt

Schon Ende des letztes Jahres wollten wir ihm einen ausführlichen Dankesbrief schreiben, um uns nochmals persönlich für die großartigen Geschenke zu bedanken, die Narieda uns für unsere Tee-Workshops zum großen 10-Jahre-Marimo-Jubiläum speziell angefertigt hat. Für den damals eigens eingerichteten Teeraum, in dem unser Matcha-Workshop unter anderem mit handgepflückten Matcha-Sorten von Nakanishi stattfand, fertigte er uns ein edles Wassergefäß an, das Narieda als Geschenk unserer japanischen Mitarbeiterin überreichte, die es uns dann zur Jubiläumsfeier aus Japan mit nach Frankfurt brachte. Wirklich ein Grund sich nicht nur einmal zu bedanken, doch in der Hektik der letzten Monate kamen wir leider nicht dazu den angefangenen Brief zu vollenden, und so liegt er immer noch bei uns im Büro in Frankfurt. Heute ist nun also die Chance sich dafür in angemessener Weise zu entschuldigen, und persönliche Worte an Narieda zu richten, um sich für die wunderbare Keramik zu bedanken, und ihm zudem selbst auch ein Geschenk zu überreichen: Ein biologisch angebauter Weißwein aus Frankreich, den wir unter anderem auch deshalb ausgewählt haben, da heute erstmals zwei unserer französischen Kundinnen, die schon seit mehreren Jahren die Keramiken von Narieda in ihren Läden in Paris und Tours ausstellen und verkaufen, mit zum Besuch bei Narieda gekommen sind.

Shiboridahi Gyokuro Kyusu Einhandkanne von Narieda Shinichiro

An einem vollkommen unscheinbaren Ort in Nariedas Atelier, also nicht dort, wo er eigentlich seine Werke ausstellt, sondern eher abseits, finden wir kurz vor dem Abendessen, als bereits einige Freunde von Narieda sich im Atelier versammelt haben, einen neuen Entwurf einer Shiboridahi (einer japanischen Einhand-Teekanne, also eine besondere Art einer Kyusu), bei dem Narieda sich zwar an der Form der Jahre 2014 und 2015 orientiert, doch einige Details raffiniert weiterentwickelt hat. Wir sind begeistert, und bringen bei der nächsten Gelegenheit sogleich unsere Begeisterung sowie unser Interesse zum Ausdruck, vielleicht in naher Zukunft einige Werke in ähnlicher Weise angefertigt bekommen zu dürfen.

Regal mit Matchaschalen und Kyusu im Atelier von Narieda Shinichiro

Auf den Holzlatten, die die Böden eines großen Holzregals im Atelier von Narieda Shinichiro bilden, befinden sich diesmal weniger Werke als üblich, da sich Narieda momentan viel Zeit dafür nimmt, neue Keramiken zu entwickeln sowie die Formgebung seiner bisherigen Werke weiterzuentwickeln. Es wird sicherlich einige Monate dauern, bis Narieda Zeit finden wird sich der Anfertigung der neuen Serie von Shiboridashi – der Kyusu, die vor allem für feine und edles Tees gedacht sind -zu widmen. Die erste Serie an Noboridashi, damals aus schwarzem Ton, fertigte Narieda Shinichiro im Jahr 2013 speziell für die Teesorte GO EN an, einem lange beschatteten, gedämpften Tamaryokucha, den die Familie Morimoto herstellt. Anlass dafür war der damalige Besuch von uns zusammen mit Haruyo und Shigeru Morimoto im Atelier von Narieda. Seither verwendete Narieda bei der erneuten Anfertigung in den folgenden Jahren nicht mehr wie bei der kleinen Serie im Jahr 2013 seine schwarze Tonsorte, sondern einen helleren, beigen Ton. Auch die Form der Shiboridashi (wir nannten sie damals üblicherweise „Gyokuro-Kyusu von Narieda“) entwickelte sich im Jahr 2014 zu einer höheren Form weiter, und im Jahre 2015 wurden die Kanten am Fuß und am oberen Rand in eine dezent geschwungene Form abgewandelt. Während wir nun ja schon die Form der Serie, die wir für dieses Jahr erwarten, durch das oben gezeigte Exemplar in eine konkrete Vorstellung verwandeln konnten, wird es umso spannender bleiben, welche Art von Ton und eine wie geartete Glasur der Keramiker dieses Jahr auswählen wird.

Spachtel und Pinsel von Narieda zum Auftragen der Glasur

Zudem bleibt es auch spannend, in welche Richtung sich die Matchaschalen von Narieda dieses Jahr entwickeln werden. Im Atelier sehen wir einige kleinere Schalen, die nicht als Matchaschalen gedacht sind, bei denen Narieda bereits eine neue Art von Glasur ausprobiert hat. Narieda entwickelt seine Glasuren, egal ob es sich um die Verwendung für eine Matchaschale oder für andere Objekte handelt, grundsätzlich selbst. Er mischt also nicht nur seine Glasuren selbst, sondern entwickelt außerdem selbst die Rezepte für die Glasuren, die oftmals auch Material mitverwenden, das aus seiner nahen Umgebung, dem Kirishima-Gebirge stammt. Die Glasur, die wir diesmal erstmalig bei Narieda entdecken, erinnert an eine chinesische, sogenannte Hasenfellglasur, die jedoch abweichende Merkmale mit ausprägt. Über die Fellstruktur legt sich gewissermaßen eine andersgeartete, und andersfarbige andere Ebene. Ob Narieda diese Glasur dieses Jahr auch für die neuen Unikate, für die ein oder andere Matchaschalen verwenden wird? Mal sehen, was sich ergibt, wenn wir mit Narieda in den kommenden Tagen telefonieren. Die oben gezeigten Geräte wie Pinsel und Spachtel verwendet Narieda natürlich vorwiegend zum Auftragen der Glasuren, aber auch zum Nachbearbeiten der ein oder anderen Matchaschale, die ja oftmals nicht einfach eine glatte Oberfläche aufweisen, sondern mit überraschenden Strukturen zumeist auf der Außenseite aufwarten.