Les Perspectives du Thé – Kamairicha, Sencha, Koucha & Matcha Performance

Es ist der 25. Februar 2017, und nach mehreren Wochen der Vorbereitung ist es nun endlich soweit: Wir versammeln uns im Laden von Valérie Stalport (neo.T in Paris), wo wir am heutigen Nachmittag eine besondere „Tee-Performance“ durchführen werden.

Auf den Einladungskarten und Plakaten der heutigen Tee-Performance kommt bereits die grundlegende Idee zum Ausdruck: „Les Perspectives du Thé“, die Perspektiven des Tees. Während Tee manchmal nur als Getränk angesehen wird, ist das historische Bedeutungsfeld deutlich größer. Während die Teepflanze in China zu Beginn ihrer Geschichte vor allem als Medizin angesehen wurde, und bis hin zu einem Wundermittel verehrt und angepriesen wurde, kam Tee in dieser Tradition nach Japan. In beiden Ländern – und nicht nur dort – ist Tee natürlich auch mit dem Buddhismus verwoben, und mit der Meditationskultur. Die musikalische oder vielleicht sogar besser ausgedrückt „klangliche“ Perspektive“ des Tees fand nicht nur ihren Ausdruck bei chinesischen Tee-Veranstaltungen, sondern auch bei Tee-Zusammenkünften in Japan, und man hört nicht selten von Musikern und anderen Künstlern davon, dass Tee deren Kreativität steigere. Heute werden wir also auch die klanglichen Elemente und klanglichen Assoziationen des Tees, als Klangcollage mit in unsere Tee-Performance integrieren.

Bei der heutigen Klangperformance von MIMIKOTO stehen diesmal weniger Melodien oder die harmonischen Komponenten im Mittelpunkt, sondern die Performance konzentiert sich auf den Charakter der Klänge, die durch den Einsatz von elektronischen Modifikationen sowie die Wiedergabe von aufgenommenen Zitaten, Vogelstimmen und Geräuschen der Natur eine breite Plastizität erhalten.

Bei der Degustation liegt heute der Schwerpunkt auf der Breite des geschmacklichen Spektrums des japanischen Tees, weshalb wir sehr unterschiedliche Teesorten für die Verkostung ausgewählt haben: Dazu gehört der Miumori Matcha aus Kirishima, der ab dem heutigen Tage als eines der „Herzen des neo.T. Sortiments“ im eigens dafür vorbereiteten neo.T. Design angeboten wird.

Zudem verkosten wir heute den Morimoto Sencha Fukuro, bei dem es sich um sehr feine, größtenteils beschattete Blätter handelt, die vor allem für das Tee-Trinken im Büro und unterwegs gedacht sind, und daher in kleinen Pyramiden-Teebeuteln verpackt sind. Während Teebeutel an sich natürlich nicht sehr klassisch sind, repräsentiert der Morimoto Sencha Fukuro heute dennoch den „typischen japanischen Grüntee“, was heutzutage der gedämpfte japanische Tee in Nadelform ( Sencha ) ist. Letztlich geht es hierbei nicht darum, dass alles immer „traditionell und alt“ erscheinen muss, sondern es geht darum, das Tee-Trinken in den Alltag zu integrieren. Für viele Menschen findet der Alltag heutzutage natürlich am Arbeitsplatz – oftmals im Büro – statt, wo es nicht immer leicht ist, einen Platz zum Aufgiessen von Blatt-Tee mit Teekanne zu finden. Diese Lücke möchten wir mit dem Morimoto Sencha Fukuro schließen, und letztlich damit eine weitere Perspektive des Tees im Alltag zu unterstützen.

Beim Namen „Morimoto Sencha Fukuro“ handelt es sich übrigens um ein kleines Wortspiel: Während „Fukurou“ mit langem „ou“, was oft dennoch auch einfach als „o“ geschrieben wird, „Eule“ bedeutet, heißt „Fukuro“ mit kurzem „o“ „der Beutel“ oder „die Tasche“, und ist auch das japanische Wort für „Teebeutel“. Ausdruck findet dieses Wortspiel auch auf der Verpackung des Morimoto Sencha Fukuro, denn hier ist eine kleine Eule – eigentlich ein Briefbeschwerer aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts – abgebildet, die sich zu einer mit Sencha gefüllten kleinen Teeschale herüberneigt. In der Welt der Eule, die eher zweidimensional ist, ist der verlockend gelbgrüne Sencha allerdings leider nicht so leicht erreichbar wie für unsereinst. Die Eulen, oder auch andere Vögel, stehen für uns immer auch als Symbol einer intakten Natur, die um die Teegärten unserer Bio-Teegarten-Partner in Japan erfreulicherweise vorzufinden ist, da keine Pestizide eingesetzt werden, denn diese würden letztlich über die Körper der Insekten direkt in die Nahrungskette der Vögel gelangen. Auch wenn einem dies im Alltag oft nicht bewusst ist, ist es ein schönes Gefühl bei einer Schale grünen Tees zu Wissen, dass diese auf eine Weise hergestellt wurde, die einer intakten Natur förderlich ist. Ist dies nicht auch eine wichtige Perspektive des Tees?

Wir freuen uns ebenso wie Valérie, dass zum heutigen Event wirklich so zahlreich neue Gäste und Teebegeisterte erschienen sind, die – wie auf obigen Fotos zu sehen – dann auch als einen der vier sehr unterschiedlichen Tees, auch den blumig-duftig-frischen Schwarztee vom biologischen Teegarten der Familie Watanabe ( Watanabe Koucha ) genießen konnten.

Es ist schön, auch bei der heutigen Tee-Performance „Les Perspectives du Thé“ einige bekannte Gesichter wieder zu sehen, die schon beim Miumori Kirishima Matcha Event im Oktober 2016 anwesend waren, und sich auch heute nicht zurückhalten können, eine Schale des Miumori Matcha mit dem Bambusbesen aufzuschlagen.

Valérie Stalport, die zwei Kundinnen ihres Ladens neo.T. in Paris, der sich direkt am Mont Martre befindet, berät, betreibt ihren Laden nun im Jahr 2017 seit genau 10 Jahren, und vermag mit ihrer eigenen Begeisterung für Tee auch viele Menschen mitzureißen, die bisher kaum Kontakt mit Tee hatten. Auch dieses Mal können wir sagen, dass es ein inspirierendes Event war, das hoffentlich auch vielen neuen Gästen eine der vielen Perspektiven des Tees – oder auch des japanischen Tees, der allein ja schon eine Vielzahl an Perspektiven in sich birgt – eröffnen konnte. Vielen Dank dafür!

Matcha und Teeraum-Design im Wandel der Zeit: Ein Projekt inspiriert vom Miumori Kirishima Matcha

Bei unserem Blog-Eintrag zum Miumori Kirishima Event in Paris, Oktober 2016, stellten wir bereits am Ende unseres kurzen Artikels spontan einige offene, frei aus der Luft gegriffene Fragen, bei denen es bereits in Ansätzen um das sehr weit gefasste Thema der Einbettung von Matcha in unterschiedliche Kulturen und Stilrichtungen ging, auch wenn dies aus den brainstormingartigen und etwas „provokativ“ gestellten Fragen vielleicht noch nicht ganz klar hervorgegangen sein mag. Auslöser für dieses gedankliche Spiel war eine Foto-Session mit dem Miumori Kirishima Matcha in Paris, bei dem sich der japanische, grüne Pulvertee in einer dem „Japan-Tee-Kenner“ womöglich etwas ungewohnter Umgebung präsentiert.

Wie zu jenem Zeitpunkt allerdings bereits angekündigt, haben wir begonnen, uns diesem Thema nun Schritt für Schritt tiefgehender zu widmen, zunächst einmal – eher noch im Rahmen des Brainstormings – in Form von nachfolgender Grafik (entstanden in Folge der genannten Foto-Session), die inspiriert vom Miumori Kirishima Matcha bereits kurze Zeit nach dem Event in Paris entstand, zu dem wir den Miumori Matcha präsentierten.

In the course of time - Miumori Kirishima Matcha
In the course of time – Miumori Kirishima Matcha

Zentrales Thema ist bei der Grafik die Verknüpfung der Teekultur, um den zu Pulver gemahlenem grünen Tee [ japanisch: Matcha ], mit verschiedenen Stilrichtungen im Laufe der Zeit, wobei hier fast schon provokativ mit der warnsignalartigen Farbkombination aus leuchtendem Gelb und Schwarz im Zusammentreffen des Matcha gespielt wird, der in manchen Epochen eher mit reflektierter Bescheidenheit in Verbindung gebracht wurde, und in Kontrast dazu auch immer sehr stark in der Kultur der reichen Adligen im alten Japan in luxuriösem Rahmen inszeniert wurde. Genannt sei hier zunächst nur dieser Kontrast, auch wenn sich in der Kultur des Matcha sicherlich unzählige Kontraste finden lassen würden. Matcha bewegt sich also nicht erst heute in einem verschiedene Kunstbereiche und gesellschaftliche Bereiche durchdringendem, inspirierendem künstlicherisch-kulturellem Spannungsfeld, sondern bereits seit vielen Jahrhunderten.

Um diesem Thema genauer auf den Grund zu gehen, lohnt sich ein Blick in „Der japanische Tee-Weg – Bewußtseinsschulung und Gesamtkunstwerk“ von Franzika Ehmke (1991).

Franziska Ehmcke (1991): Der japanische Tee-Weg
Franziska Ehmcke (1991): Der japanische Tee-Weg

Unter der Prämisse, dass der bevorzugte Charakter des Geschmacks des Tees auch etwas über die stilistischen Vorstellungen aussagt, beginnen wir bereits an einem recht frühen Zeitpunkt in der Geschichte, nämlich während der chinesischen Tang-Zeit (618-906). Wie auch bei Ehmcke (1991: S.11) Erwähnung findet, wurden damals „die Tee-Blätter gedämpft, in einem Mörser zerstoßen und zu einem Ziegel geformt“, wobei diese Art von Tee schließlich mit unterschiedlichen „Zutaten wie Ingwer, Orangenschalen, Reis, Salz und anderen Gewürzen“ gekocht wurde. In seinem „Klassischen Buch zum Tee“ lehnt LU YU jedoch alle diese Beigaben – mit Ausnahme des Salzes – ab. So brachte der Geschmack des Tees, dessen bitterer Akzent nun mehr zur Geltung kam, „das Einfache, das Selbstgenügsame und das Maßvolle“ zum Ausdruck.

Bereits in der Song-Zeit (960-1279) jedoch, wurde diese Art der Zubereitung abgelöst. Von nun an trat die Zubereitungsweise von zu Pulver gemahlenem Tee [ chinesisch: Mo-Cha; japanisch: Matcha ] in den Vordergrund. Zunächst werden dafür die feinen Blätter in einem Mörser oder später auch in einer Mühle, oftmals aus Stein, zerkleinert bzw. zermahlen, bis ein grünes Pulver entsteht. Dieses grüne Pulver wird dann mit einem aus Bambus hergestellten Teebesen [ Chasen ] in einer Schale mit warmen Wasser schaumig geschlagen und schließlich getrunken. Mit der Art des Tees änderte sich also auch die Art der verwendeten Utensilien.

„In der Tang- und besonders der Song-Zeit erwuchs eine künstlerisch-ästhetische Kultur, deren Zentrum der Tee-Genuß bildete, ergänzt  von sportlichen Spielen, geselligen Vergnügungen aller Art und der Tee-Literatur. Viele Elemente dieser „Tee-Kultur“ fanden später Eingang in den japanischen Tee-Weg: das Empfinden für das Einfache und Maßvolle, assoziiert mit dem bitteren Geschmack des Tees, die medizinischen und magischen Qualitäten des Tees, das gesellige Beisammensein in Tee-Gesellschaften mit ausgefeilter Etikette und künstlerischem Anspruch. Dennoch entwickelte sich in China selbst kein „Tee-Weg“ im japanischen Sinne. Dort blieb es bei einem, wenn auch höchst verfeinerten, gesellschaftlichen Ereignis oder Zeitvertreib.“

(Franziska Ehmcke 1991: S. 13)

pen Magazin 2007 "cha no yu design"
pen Magazin 2007 „cha no yu design“

Während auf dem Cover des japanischen pen Magazins von 2007, dessen Ausgabe sich mit dem Thema „cha no yu design“, also „Design der japanischen Teezeremonie“, befasst, noch ein wie gewohnt traditioneller japanischer Teeraum zu sehen ist, geht es in der Ausgabe selbst dann allerdings um die geschichtlichen Entwicklungen und Strömungen der Stile von Matchaschalen, sowie letztlich auch um zeitgenössische Teeräume.

pen Magazin 2007 zum Thema Teeraum Design
pen Magazin 2007 zum Thema Teeraum Design

Aufgegriffen werden dabei altbekannte Elemente wie die Bildrolle. Auch die Utensilien wie die Matchaschale selbst, die Wasserkelle und Kama, wirken hier wenn überhaupt nur ansatzweise abgewandelt. Doch die Struktur der Wände, die sich beim obigen Teeraum aus einzelnen Stäbchen zusammensetzt, greift lediglich auf das im Teeraum gängige Material Holz zurück, wandelt die Art des Einsatzes im Raum aber stark ab.

Franziska Ehmcke (1991: S.123) stellt eine Einteilung der Entwicklung der Teeraum-Architektur in vier Hauptphasen dar: Der erste Entwicklungsabschnitt umfasst die Zeit, während sich Teeräume noch innerhalb des Wohnkomplexes befanden („Stil vom Tee im Studierzimmer“), während bereits in der zweiten Entwicklungsphase selbständige kleine Tee-Hütten errichtet wurden, oder als Anbau errichtet wurden. Stil dieser Tee-Hütten war der Stil des „Tees der Einsiedlerhütte“ [ Japanisch: So-An = Strohhütte ]. Während der dritten Entwicklungsstufe wurden die kleinen Teeräume erweitert, und in der vierten Stufe gab es teilweise eine Rückkehr zum Teeraum im „Stil des Studierzimmers“.

Diese Einteilung sagt, ohne die einzelnen Stilrichtungen genau zu kennen, dem Leser zwar noch nicht allzu viel über das genaue Aussehen der Teeräume in den unterschiedlichen Phasen, doch lässt sich beispielsweise bereits aus der Wortwahl „Strohhütte“ herauslesen, dass sich in jener Phase das Element der bewußten Schlichtheit stark im Vordergrund befindet. Doch selbst die fast schon armselig wirkenden „Hütten“, die dem Gedanken der Einsiedlerhütte nachempfunden waren, verwendeten auch wenn dies auf den ersten Blick nicht unbedingt zu sehen ist, seltene und damit teure Materialien, und waren auch aufgrund der Kompliziertheit ihrer Konzeption sehr kostspielig. Äußerlich betrachtet stellten sie allerdings ganz offensichtlich eine Art der Abkehr von den Teewettspielen und luxuriösen Teegesellschaften im Prunk und Glanz der höfischen Welt dar.

Widmen wir uns zunächst der „Strohütte“, die Franziskia Ehmcke (1991: S.124f) folgendermaßen beschreibt:

„Das älteste noch existierende Tee-Häuschen im ‚Stil der Einsiedlerhütte‘ (sôon) ist der – traditionell RIKYÛ [Schreibung auch: RIKYU oder RIKYUU] zugeschriebene – Taian, angebaut an einen Subtempel, den Kyôkian, des Daitokuji. Beim Taian handelt es sich um einen Zwei-Matten-Raum mit ausgeschnittener Feuerstelle, Bildnische (tokonoma) und niedrigem Eingang (nijiriguchi), letzterer allerdings noch etwas höher als bei späteren sôan-Tee-Häusern. Die Wände der tokonama sind ebenso wie die rückwärtigen Pfeiler vollständig mit Lehm ausgekleidet – ein Stil, den RIKYÛ [Schreibung auch: RIKYU oder RIKYUU] entwickelte. Rechts neben der tokonoma befinden sich zwei Fenster, von denen eines als Hängefenster (kakeshôji) konzipiert ist: ein abnehmbares Papierfenster, das im Inneren des Tee-Raums vor den in der Mauer verankerten Fensterrahmen mit Bambusgitterwerk gehängt wird. Durch einen ‚angrenzenden Raum‘ (tsugi no ma) – mit einem Hängebord in einer der Ecken – gelangt man in den sogenannten Vorbereitungsraum (katte; nicht zu verwechseln mit der Küche, mizuya).

Zwischen 1583 und 1587 baute RIKYÛ [RIKYU/ RIKYUU] auch Zwei-Matten-Räume ohne tsugi no ma. Ausschließlich Lehmwände – selbst die tokonoma war mit Lehm verkleidet – begrenzten diese Räume, einzig drei Fenster, der nijiriguchi, ein gesonderter Eingang für den vom Vorbereitungsraum her eintretenden Gastgeber (neben der tokonoma) sowie ein Wandschrank für die Tee-Gerätschaften lockerten die schlichte Konstruktion auf.“

Teeraum für die japanische Teezeremonie - Neue Architektur in Tokyo
Teeraum für die japanische Teezeremonie – Neue Architektur in Tokyo

Auch im Buch „Tokyo Houses“, erschienen im Jahr 2002, das einen starken Schwerpunkt auf neue Architektur legt, und zudem, wie der Titel schon sagt, um Häuser in Tokyo geht – also einer Stadt, die an sich nicht allzu sehr für ihre Teekultur bekannt ist – findet sich das Thema der Teeraum-Architektur. Wie auf Seite 67 berichtet wird, orientiert sich das Architektenbüro, das das oben abgebildete Haus für die japanische Teezeremonie errichtet hat, an den Ausführungen des berühmten Novellisten Junichiro TANIZAKI (1886-1965) in seinem Buch „Inei Raisan“. Das hier aufgegriffene Thema ist dabei die Beziehung zwischen Licht und Schatten, das abgeschwächt durch die mit Papier bespannten Shoji von der Helligkeit der Umgebung in das Innere des Teeraums einströmt.

Doch wie ist eigentlich die Idee eines „Raumes für das Trinken von Tee, für das Trinken von Matcha“ entstanden? Um diese Frage zu beantworten, werfen wir einen Blick in das Werk „Chasho – Geist und Geschichte der Theorien japanischer Teekunst“ von Horst Siegfried Hennemann, erschienen 1994 im Harrassowitz Verlag. Bereits im zweiten Kapitel „Yoriai-Teegesellschaften der Kitayama- und die shoin-Kultur der Higashiyama-Ära“ finden wir darauf die Antwort:

„In der Nachbarschaft des Ginkaku vom Jishô-ji [die Endung ‚-ji‘ steht hierbei jeweils für ‚-Tempel‘] in Higashiyama, den YOSHIMASA in Anlehnung an YOSHIMITSUS Kinkaku vom Rokuon-ji in Kitayama erbauen ließ, errrichtete er im shoin-Stil seine Gebetshalle Tôgudô mit der viereinhalb-Matten-Klause [Klause im Sinne von ‚kleiner Raum, Häuschen] Dôjisai, die als Grundform und erstes Beispiel eines Teeraums (chashitsu) gilt.“

(Hennemann 1994: S. 58)

Benannt wird dieser erste Baustil eines Teeraums nach der Schreib- und Lesenische, die seitlich der Schmucknische [ Japanisch: tokonoma] angefügt wird. Die Idee dieser Schreib- und Lesenische [ Japanisch: tsuke-shoin ] wurde dabei der buddhistischen Tempelarchitektur entliehen. Erstmals wurde nun das buke-aristokratische Anwesen durch Schiebewände [ Japanisch: fusuma, shôji ] in Einzelräume unterteilt (Hennemann 1994: S. 58).

So entstanden Wohn- und Empfangsräume, für die es galt den entsprechenden Raumschmuck zu entwerfen. Für derartigen Raumschmuck wurde die Grundlage von Kunstgegenständen der chinesischen Song-Zeit sowie der Ming-Zeit gebildet. Benannt wurden die aus China stammenden Kunstgegenstände als „karamono„, was sie deutlich von den später zunehmend verwendeten Kunstgegenständen japanischer Herkunft unterscheidet. Gesammelt und ausgewählt wurden die Kunstgegenstände für den ersten Teeraum von den San-ami-Kunstverständigen, sowie nach Rang und Qualität klassifiziert, als auch beurteilt für ihren Verwendungszweck. Somit verkörpern diese Gegenstände die absolute Autorität der buke-aristokratischen Ästhetiknorm (Hennemann 1994: S. 58f).

Aus der gewissenhaften Abstimmung und der stilistischen Wahrnehmung der chinesischen Kunstwerke gesammelte Erfahrungen, trugen schließlich zur Entwicklung der Stilnorm „shin“ bei. Die Stilnorm shin stellt dabei einen Kontrast zur vordergründig auf Prachtentfaltung bedachten Raumgestaltung des tôcha dar, also den Teeweltspielen der aristokratischen Kreise und den dazugehörigen prunkvollen Festivitäten (frei nach Hennenmann 1994: S. 59). Wie weit ins Detail es bei den Regeln entsprechend der Stilnorm shin nun geht, wird gut aus folgendem ersichtlich:

Die Schmucknische findet in ihrer Frühform als aufgelegtes Bodenbrett (oshita) Verwendung. Ihr Schmuck erfordert vor einer fünf- oder dreiteiligen Rollbildgruppe, zumeist einem Triptychon (sampuku-ittsui), auf einem gravierten Rotlacktisch (shoku) angeordnet, unbedingt das Dreigerät des buddhistischen Altarschmucks (mitsu-gusoku): Weihrauchgefäß (kôro), Kranich Schildkröten-Kerzenständer (tsuru-shokudai) und Blumenvase (kabin), einschließlich des Weihrauchgerätes, des Löffels (kyôji), der Stäbchen (koji), des Ständers (tate) und der Weihrauchdose (kôgô) sowie seitlich links und rechts Blumenvasen. Beim fünfteiligen Gesamtschmuck (morokazari, itsutsukazari) werden Kerzenständer und Vase zum Paar links und rechts ergänzt. Je nach Größe der Schmucknische und Art des verwandten Bildmaterials können in vorgeschriebener Weise Vereinfachungen vorgenommen werden.

Die Anordnung der Schreibnische (shoin) besteht von rechts nach links aus oberhalb aufgehängter Rufglocke (kanshô) und rechts seitlich aufgelegtem Schlegel (shumoku), Schriftrolle (jiku-mono), Pinselstütze (hikka) mit Papiermesser (katana), Tusche (sumi), Pinsel (fude), Briefbeschwerer (bunchin), dann Wasserkännchen (mizuire, suiteki), Tuschstein (suzuri) mit Stellschirm (kembyô) dahinter, zwei längliche Papierbeschwerer (keisan), Stempelkasten (inrô) und Blumenvase (suibin) mit Blumen im rikka-Stil.

(Hennemann 1994: S. 60)

Ein sicherlich nicht unwichtiges Thema ist die Frage danach, wie sehr bestimmten Regeln gefolgt werden soll, oder aber wie sehr die künstlerische Freiheit ausgelebt werden kann. Bei dieser Frage geht es wohl weniger um die Frage, wie viel Freiheit bei der Durchführung der japanischen Teezeremonie angemessen ist, denn diese ist definitiv sehr eindeutig geregelt, wenn auch abhängig von der jeweiligen Strömung. Vielmehr geht es, und darum beschäftigen wir uns mit dieser Frage, um die Gestaltungsfreiheit des Teeraums als auch der dort verwendeten Utensilien, zu denen ganz wesentlich die Matchaschale gehört. Betrachten wir zu diesem Thema als Erstes einmal die Worte von ORIBE:

Im Schlußwort seiner Leitsätze, die als Ausführungsanleitung seines eigenen Teeverständnisses gegenüber dem wabi-Tee RIKYÛS zu verstehen sind, lässt er deutlich werden, dass dieses für ihn darin besteht den wabi-Tee von RIKYÛ zu individualisieren, und ihn damit zu überwinden. Für ORIBE stellt die dem Chanoyu (warmes Wasser für den Tee = Teezeremonie) innewohnende stilistische Heterogenität ein Betätigungsfeld freier künstlerischer Entfaltung dar. Während RIKYÛ [RIKYU/ RIKYUU] besonderen Wert auf eine Introvertiertheit legt, die auf Intensivierung abzielt, äußert sich bei ORIBE eine nach außen gerichtete Intensivierung, die ihren Ausdruck in der Deformation findet. Zu beobachten ist diese Art der Deformation unter anderem bei den Matchaschalen (Schöpfung der kutsugata-Matchaschale), mit kräftiger Bemahlung des Stils der ORIBE-Keramik [ORIBE-yaki] als auch bei der Wirkung bei Betrachtung des Flächenaufteilung der ‚acht-Fenster‘ der Teehausarchitektur des Hassô-an (Hennemann 1994: S. 169).

So ändert sich bei ORIBE nicht nur der Stil seiner Matchaschalen (Matchaschale im ORIBE-Stil), sondern auch der Stil des Teeraums [Japanisch: chashitsu]. ORIBE, der den Teeraum-Stil eines RIKYÛ (RIKYU/ RIKYUU) im Stil der Strohhütte [sô-an] als einengend empfindet, verlegt den Tee aus dem Teehaus in das ‚Kettenzimmer‘ (kusari no ma), einer Zwischenform von sô-an und shoin mit einem erhöhten Ehrenplatz (jôdan) für Gäste des hohen Adels und einer Schreibnische (tsuku-shoin) ritterlicher Wohnarchitektur (Hennenmann 1994: S. 169f).

 

Miumori Kirishima Matcha Tea Tasting und Photo Shooting in Paris – Oktober 2016

Es ist der 29. Oktober 2016 und wir stehen in einem wunderbaren Teeladen mitten in Paris. Während der Montmarte nicht nur für die weiße Basilika Sacré-Cœur berühmt ist, die auf dem Gipfel des Berges über Paris thront, und natürlich für all seine Künstler, sind wir heute wieder einmal im Laden von Valérie Stalport, der mittlerweile nicht nur in Paris an Bekanntheit gewonnen hat.

Miumori Kirishima Matcha Event 2016 in Paris
Miumori Kirishima Matcha Oktober Event 2016 in Paris

Als wir um Viertel vor Vier ankommen, um noch genügend Zeit zu haben uns mit Valérie und Eric abzusprechen und die „Tee-Bar“ vorzubereiten, sowie die Projektion mit dem Video „KIRISHIMA – a first step to decode a tea“ zu installieren, die hoch oben an der Wand gezeigt werden soll, ist Valéries Laden bereits voll!

Ja, es ist unglaublich, denn die Leute warten schon auf uns, und darauf, dass wir mit der Präsentation der neuen Bio-Tees aus Kirishima beginnen. Ganz im Mittelpunkt steht heute der Miumori Kirishima Matcha, der nicht nur mit seiner Süße und seinem fantastischen Umami prahlt, sondern auch Matcha- und Grüntee-Fans aus Paris mit seiner Geschmeidigkeit begeistert, die mit Sicherheit schon viele andere Matcha-Sorten gewohnt sind, und nicht von jedem Tee so leicht zu überzeugen sind, wie vom Miumori.

Miumori Kirishima Matcha - Teeliebhaberin in Paris
Miumori Kirishima Matcha – Teeliebhaberin in Paris

Natürlich haben wir für die Zubereitung des Miumori Kirishima Matcha auch die passenden Utensilien mitgebracht. Welche Matchaschalen könnten da passender sein, als die von Narieda Shinichiro, der direkt am Fuße des Kirishima-Gebirges lebt und arbeitet?

Miumori Kirishima Matcha Narieda Shinichiro
Miumori Kirishima Matcha zubereitet in zwei Matchaschalen von Narieda Shinichiro

Neben dem Miumori Kirishima Matcha, der wie gesagt heute im Mittelpunkt des Events steht, bereiten wir für unsere heutigen Gäste aber auch andere Tees aus dem biologischen Teegarten von Shutaro und Kenji Hayashi in Kirishima vor. Dazu gehören nicht nur High-End Tees wie der Tennen Gyokuro aus der Strauchvarietät Oku Yutaka, der sich durch ein unglaubliches Umami auszeichnet, sondern auch „einfachere Tees“, die aber wie von Shutaro und Kenji Hayashi gewohnt, dennoch auf einem sehr guten Nivau produziert sind, sodass man sie vielleicht als „gehobene Klasse von Alltagstees für anspruchsvolle Japantee-Trinker“ bezeichnen könnte.

Zu dieser Art von Tees könnte man sicherlich den neuen Miumori Kirishima Sencha zählen, der aus Blättern hergestellt wird, die zu einem beträchtlichen Teil aus Zairai-Sträuchern stammen, die der Ururgroßvater von Shutaro und Kenji vor mehr als 100 Jahren gepflanzt hat. Ein weiterer Klassiker, definitiv von sehr gehobener Qualität, den wir heute ebenfalls aufgießen, ist der Kirishima Tokujou Sencha, der Japantee-Fans durch seinen süß-frischen Duft der beschatteten Asatsuyu-Blätter bekannt sein dürfte.

 Miumori Matcha 20g Dose und Matchaschale von Narieda Shinichiro
Miumori Matcha 20g Dose und Matchaschale von Narieda Shinichiro

Auch der Abend mit Valérie und Eric ist sehr inspirierend, und es entstehen viele neue Ideen rund um das Thema Grüntee. Dies hängt auch damit zusammen, was wir für den nächsten Tag geplant haben. Unsere Ideen kreisen nämlich wieder einmal um das Thema der Geschichte des Matcha, bei dem es sich bekanntlicherweise hinsichtlich seines Ursprungs nicht um eine japanische Erfindung handelt. Schließlich hat man in China Matcha bereits während der Song-Dynastie mit einem Bambusbesen geschlagen, und dies damals schon in einer Matchaschale, lang bevor Matcha nach Japan gelangte.

So kreisen unsere Ideen weiter um das Thema Matcha, und seinen Wandel im Laufe der Zeit. Während in Japan die Hochblüte des Matcha von komplizierten Regeln und Abläufen rund um die Zubereitung, Kleiderordnung, Architektur und Auswahl der Gäste ging [Themen: Teezeremonie, Cha-no-yu, Chadô, Sen-no Riykû, Takeno Jôô], alles sehr formell, finden wir heute Matchabars in New York, Paris und Berlin, wo Matcha natürlich viel freier getrunken wird. Doch auch Matcha in Mixgetränken ist ein spannendes Thema. Während uns dies zwar modern erscheinen mag, so ist in China bereits vor der Song Dynastie grundsätzlich Tee nicht nur pur, sondern auch gemischt z.B. mit Gewürzen oder Milch getrunken worden. Matcha mit anderen Dingen zu mischen, ist also eine Idee, die es schon seit weit mehr als 1.000 Jahren gibt. Ob es damals schon Matcha-Smoothies mit Gemüse oder Früchten gab, ist uns allerdings auch nicht bekannt, aber wer weiß.

Wir nehmen dies jedoch als Anlass, die Geschichte des Matcha, sowie die Kultur und Orte, an denen er getrunken wird, als auch die Art und den Stil, wie er getrunken wird, zu beleuchten, und uns zu fragen, „Wie wird sich dies im Laufe der Zeit noch weiterentwickeln, welche Stile werden noch hinzukommen“? Der Beginn der Bearbeitung dieses Themas ist eine kleine Fotoreihe, mit deren Aufnahmen wir sogleich am nächsten Tag starten. Weitere Fotos und Erklärungen zu den Hintergründen werden in den kommenden Wochen und Monaten folgen, nicht nur online, sondern auch in Form von Postkarten und Plakaten, an vielen Orten, wo es Miumori Kirishima Matcha gibt!

Miumori Kirishima Matcha und neu belebte historische Architektur in Paris
Miumori Kirishima Matcha und neu belebte historische Architektur in Paris

Schmeckt der Matcha anders, abhängig davon, ob man erkennt, dass es sich ganz im Hintergrund über dem Dach um den Eiffelturm handelt? Und schmeckt der Matcha anders, abhängig davon, ob man erkennt, dass es sich bei der Matchaschale um ein Werk von Narieda Shinichiro handelt? Trinkt man Matcha im „traditionellen“ Teeraum, in der Matcha-Bar, im Büro, am Pool? Holt man das Wasser zur Zubereitung aus einer bestimmten Quelle am Berg? Sind vergoldete Matchaschalen mehr wert als eine zerbrochene und wieder zusammengeklebte alte Matchaschale, die die Tochter unserer japanischen Gastmutter in den Müll geworfen hat? Und wann gibt es endlich Matcha-Kiosks in den U-Bahn-Stationen?

Kirishima Tee Event 2016 mit neuem Sencha und Matcha von Shutaro und Kenji Hayashi

Es ist Sonntag, der 2. Oktober 2016, und wir sind voller Freude darüber, dass Shutaro Hayashi dieses Jahr noch einmal zusammen mit seinem jüngeren Bruder Kenji die weite Reise aus Kirishima angetreten ist, um zu uns nach Frankfurt am Main zu kommen. Nachdem wir vor gut zwei Monaten erfahren haben, dass die beiden Kirishima Brüder unsere Einladung annehmen würden, Anfang Oktober zu uns zu kommen, sprudelten bei uns natürlich gleich die Ideen, was wir alles zusammen unternehmen werden. Nun das Ergebnis: Das heutige „Kirishima Tea Event 2016“, mit anschließendem exqusiten Dinner und der „Welcome Kirishima Party“ am Abend, denn morgen ist der 3. Oktober, und damit in Deutschland Feiertag, sodass die meisten unserer Gäste Zeit haben werden, ein wenig auszuschlafen.

Kirishima Tee Event 2016 Kenji Hayashi
Kirishima Tee Event 2016 Kenji Hayashi beim Verteilen von Kirishima Tokujou Sencha

Eigentlich müssen wir zunächst einmal wieder einen Schritt zurückgehen, nachdem das obige Foto bereits Kenji Hayashi beim Austeilen des Kirishima Tokujou Sencha zeigt. Zur Begrüßung unserer Gäste, die aus Belgien, Frankreich, Österreich, Holland und nicht zuletzt aus vielen Orten aus Deutschland angereist sind, haben sich Kenji und Shutaro Hayashi nämlich gleich etwas Besonderes einfallen lassen. Um genau zu sein, ist dies eine „Mini-Teezeremonie-Begrüßung“ mit frisch geschlagenem Bio Premium Matcha aus Kirishima, der gerade erst vor einigen Tagen aus Japan bei uns eingetroffen ist: Der Miumori Kirishima Matcha, von dem man in der Tat behaupten kann, dass er alle unsere heutigen Gäste zu begeistern vermag.

Kirishima Miumori Matcha Shutaro Hayashi
Shutaro und Kenji Hayashi begrüßen unsere Gäste mit Kirishima Miumori Matcha

 

Zum besonderen Anlass, dass Shutaro und Kenji Hayashi heute auf dem „Kirishima Tea Event“ für unsere Gäste den Miumori Kirishima Matcha zubereiten, und zudem noch von einer in Japan sehr angesehenen Manufaktur die zum Matcha passenden traditionellen Süßigkeiten aus Azuki-Bohnen-Mehl mitgebracht haben, wollen wir natürlich auch nicht zu zurückhaltend sein, und haben statt einfachem Geschirr heute einige Werke von Narieda Shinichiro hervorgeholt. Zum einen passt das heute besonders gut, da Narieda Shinichiro bekanntlicherweise fast Nachbar von Shutaro und Kenji Hayashi ist, denn er lebt und arbeitet nur einige Kilometer entfernt vom Teegarten der Familie Hayashi am Fuße des Kirishima-Gebirges. Zudem haben wir aber bei unseren Besuchen im Atelier von Narieda, wo wir üblicherweise jedes Frühjahr mehrmals vorbeikommen, um etwas Zeit zusammen mit Narieda zu verbringen, aber auch um neue Werke des Keramikers auszusuchen, immer wieder kleine „Kashizara“, also spezielle kleine Teller für die Süßigkeiten bei der Teezeremonie oder eben einfach beim Matchatrinken, mitgebracht. Es handelt sich dabei in den meisten Fällen nicht um Keramiken, die wir von Narieda erwerben, um sie anschließend zu verkaufen, sondern in vielen Fällen um Unikate, die uns einfach gefallen, bei uns in der Austellung stehen, und die wir ab und zu herausholen, wenn besondere Gäste da sind – so wie heute! Die Süßigkeiten, die Shutaro und Kenji Hayashi mitgebracht haben, kommen auf den kleinen Kashizara von Narieda wunderbar zur Geltung, und unterstreichen die ehrerbietige Stimmung beim Genuß des diesjährigen Miumori Matcha aus Kirishima. Umrahmt wird unser heutiges Kirishima Event zudem von einer Ausstellung der dunkelgrau schillernden Matchaschalen Unikate von Narieda Shinichiro aus dem Jahr 2011, die er damals einmalig mit Holzascheanflug im Gasofen herstellte.

Präsentation beim diesjährigen Kirishima Tee Event
Präsentation beim diesjährigen Kirishima Tee Event

Das Seminar unseres heutigen Kirishima Tee Events lassen wir mit einer kurzen Vorstellung der Region Kirishima beginnen, denn selbstverständlich prägt die Region nicht nur aufgrund des Klimas und der Böden die geschmacklichen Nuancen der Tees aus selbiger Region, sondern die Region Kirishima ist ebenfalls die Heimat unserer beiden Bio-Teegärtner und Grüntee-Produzenten Shutaro und Kenji Hayashi. So berichtet uns Shutaro, dass er im Kindesalter jede Woche sonntags zusammen mit seinem Vater Osamu die Gipfel und Krater des Kirishima Gebirges erklomm. Dies war sicherlich nicht nur ein sportliches Training, sondern auch ein Grund dafür, dass sich Shutaro auch heutzutage noch sehr mit der imposanten Vulkanlandschaft der Kirishima Region verbunden fühlt. Daraus erschließt sich hinsichtlich seines Tee-Produktions-Stils, dass er weniger zur Improvisation neigt, also nicht spontane Ideen umsetzt, die neue, noch nicht da gewesene Geschmacksnuancen hervorbringen würden, sondern dass er zu den traditionellen Teegärtner zu zählen ist, die eher dazu neigen bereits bekannte Nuancen in ihrer Ausprägung jedes Jahr aufs Neue zu perfektionieren. Ein Grundpfeiler sicherlich dessen, dass die Kirishima-Tees von Shutaro und Kenji Hayashi insgesamt ein außergewöhnlich hohes Niveau erreichen, auf das man sich präzise verlassen kann.

Feinster Bio Sencha aus Kirishima von Shutaro Hayashi
Shutaro beim Verteilen von feinstem Bio Sencha aus Kirishima

Diese Verbundenheit mit der Vulkanlandschaft der Region Kirishima sowie deren Verbundenheit mit dem Teestil ihrer Umgebung ist somit ein wesentliches Element für den Stil der beiden Brüder Shutaro und Kenji. Ein Grund, weshalb wir uns entschlossen haben, in nächster Zeit noch mehr über verschiedene Facetten Kirishimas zu berichten.

Doch zurück zum heutigen Tee Event. Nach der Vorstellung der beiden „Kirishima-Brüder“ widmen wir uns nämlich dem Wechsel der Jahreszeiten im Teegarten. Während es vermutlich am häufigsten üblich ist, das „Teegartenjahr“ mit der ersten Ernte im April oder Mai beginnen zu lassen, sieht unser heutiges Seminarprogramm eine andere Abfolge vor: Wir beginnen im hier und jetzt, also mit der Herbsternte, der sich Shutaro und Kenji Hayashi sofort widmen werden, nachdem sie in der ersten Oktoberwoche nach Kirishima zurückkehren. Als ersten Tee verkosten wir also passend den Kirishima Aki Bancha, der ausschließlich aus den großen Blättern der Herbsternte hergestellt wird. Selbstverständlich trinken wir nun den Kirishima Aki Bancha der Ernte 2015, denn die Herbst-Ernte 2016 startet ja erst in einer Woche.

Kirishima Aki Bancha von Shutaro und Kenji Hayashi
Kirishima Aki Bancha von Shutaro & Kenji Hayashi

Da bei der ersten Ernte die Teesträucher nur so vor Kraft strotzen, wie man es im Frühling erwarten möchte, ist der Ernteertrag der ersten Ernte vergleichsweise hoch. Daher ist es grundsätzlich möglich, sich den Luxus zu erlauben, nur die feinsten Blätter auszuwählen, als auch nur die Blätter derjenigen Strauchsorten zu verwenden, die man besonders schätzt. Beim Aki Bancha, also bei der Hersbsternte, ist es jedoch so, dass die Teesträucher bereits nicht mehr so schnell wachsen und sich langsam auf die kühlere Jahreszeit mit weniger Sonne vorbereiten. Die Erntemenge des Kirishima Aki Bancha ist daher wie auch bei anderen Teegärten in anderen Regionen eher klein. Um nicht nur winzige Mengen zur Verfügung zu haben, die dann kaum exportiert werden können, ist es bei Shutaro und Kenji Hayashi das übliche Prozedere, für den Kirishima Aki Bancha mehr oder weniger alle Strauchsorten gleichermaßen zu ernten, zwar nicht an einem Tag, aber etwa innerhalb einer Woche. Die Blätter werden natürlich jeden Tag gleich gedämpft und getrocknet, so dass man sagen kann, es handele sich um einen Sencha im Sinne von gedämpftem Tee. Warum aber nennen wir ihn dann Bancha?

Natürlich sind die frisch geernteten grünen Teeblätter nach dem Dämpfen relativ weich, aber da verglichen mit der ersten oder zweiten Ernte deutlich größere, dickere, festere Blätter geerntet werden, ist es nicht möglich diese in schmale, lange Nadeln zu rollen, wie man es typischerweise von Sencha kennt. Genau dieser Unterschied ist es, der die Teesorte Bancha wesentlich charakterisiert. Dazu kommt, dass Shutaro und Kenji ihren Bancha nicht im Sommer oder Winter ernten, sondern im Herbst, so dass es sich um einen Bancha der Hersbternte handelt, also Aki Bancha. Nachdem die Blätter „gefaltet“ wurden, da wirkliches Rollen wie gesagt nicht möglich ist, werden die Blätter der unterschiedlichen Erntetage der Herbsternte miteinander geblendet, so dass sich ein recht ausgeglichenes Cuvée ergibt. Die anschließende Lichtsortierung sorgt dafür, dass rötliche Blätter und größere Blattstiele aussortiert werden. Das Ergebnis lässt sich sehen: Große, hell-olivgrüne Aki Bancha Blätter!

Hinsichtlich der Inhaltsstoffe ist sicherlich ein wichtiger Punkt zu nennen: Bei Tees der Herbsternte sind so gut wie alle Inhaltsstoffe in einer niedrigeren Dosis in den Blättern vorhanden, weshalb auch das Niveau des Koffeinsgehalts deutlich niedriger ist, als es bei einer ersten oder zweiten Ernte der Fall ist. Frei von Koffein ist sicherlich auch der Kirishima Aki Bancha nicht, aber für Teefreaks, die auch abends gerne eine Schale Grüntee trinken, ist dies möglicherweise eine bessere Wahl als ein Grüntee einer früheren Ernte.

Tea Tasting beim Kirishima Tee Event 2016
Tea Tasting beim Kirishima Tee Event 2016

Nachdem nun Shutaro und Kenji Hayashi von ihren Tätigkeiten im Bio-Teegarten nach der Herbsternte berichten, die vor allem mit dem Vorbereiten von Kompost und der biologischen Düngung zu tun haben, was eine der wichtigsten Voraussetzungen für die darauffolgende erste Ernte ist, springen wir gleich einen Schritt weiter, und gehen inhaltlich direkt zum Thema der ersten Ernte. Selbstverständlich gibt es eine Vielzahl von verschiedenen grünen Teesorten der ersten Ernte, jedoch wollen wir uns heute einer recht gehobenen Sorte des Kirishima Teegartens von Familie Hayashi zuwenden, nämlich dem Kirishima Tokujou Sencha.

Bio Kirishima Tokujou Sencha
Bio Kirishima Tokujou Sencha

Manchen Japan-Tee-Fans mag der Kirishima Tokujou Sencha zwar schon von der Ernte 2015 bekannt sein, doch nachdem es damals einen regelrechten Run auf diesen Sencha von Shutaro Hayashi gab, und der Tee deshalb schon nach rund sechs Wochen ausverkauft war, dürfte es sich dabei um eine lediglich recht kleine Gruppen von Leuten handeln, die das Glück hatten ihn letztes Jahr genau in dieser kurzen Zeit kennenzulernen. Da dieser Sencha daher auch den meisten Marimo-Kunden unbekannt sein dürfte, nehmen wir dies heute zum Anlass, ihn nun endlich offiziell und ausführlich vorzustellen.

Kirishima Bio Matcha Miumori Shutaro Hayashi

Während wir das Seminar halten, wird im Hintergrund der Sencha bereits bei knapp 70 Grad und einer recht kurzen Ziehzeit aufgegossen, um ihn dann an alle Gäste verteilen zu können. Als erstes fällt auf, dass sich nun schon ein frisch-süßlicher Duft dezent im ganzen Raum verteilt. Dies ist der Duft der beschatteten Asatsuyu von Shutaro Hayashi, die dieses Jahr, also 2016, an zwei Erntetagen hergestellt wurde. Japan-Tee-Fans ist diese pure Asatsuyu von Shutaro vermutlich schon bekannt. Doch beim Kirishima Tokujou Sencha handelt es sich um ein Cuvée der Asatsuyu vorwiegend mit Blattgut der Yabukita, die ungefähr zum gleichen Zeitpunkt geerntet wird.

Sakura-Mini-Teeschalen mit Kirishima Tokujou Sencha
Sakura-Mini-Teeschalen mit Kirishima Tokujou Sencha

Was den besonderen Reiz dieses Cuvées ausmacht, ist die Tatsache, dass Shutaro Hayashi, der während der Erntezeit ganz wesentlich für die Einstellung der Dämpfungsmaschine verantwortlich ist, die Blätter des Kabuse Asatsuyu etwas intensiver dämpft, als die Blätter der Yabukita-Sträucher. Dies hat einerseits damit zu tun, dass er das Tempo der Dämpfungsmaschine senkt, sodass die Blätter der Asatsuyu länger brauchen, um „hindurchzufließen“, aber es hat auch damit zu tun, dass die Blätter der Asatsuyu so fein sind, dass der Dampf sehr schnell in sie eindringt. Die Blätter der Yabukita sind ebenfalls sehr fein, doch eben eine Nuance größer und fester.

Der Effekt beim Aufgießen des Kirishima Tokujou Sencha ist, dass beim ersten Aufguss mehr der Geschmack der eher tiefgedämpften [ fukamushi ] Blätter der Asatsuyu mit ihrer intensiven frischen Süße zum Vorschein kommt, und dann beim zweiten Aufguss mehr die milde, leicht nussige Süße der kürzer gedämpften [ asamushi ] Yabukita, die final allerdings recht stark erhitzt wird, was den Geschmack sehr schön abrundet.

Kirishima Tee Seminar Mittagspause
Kirishima Tee Seminar Mittagspause

Nach der Verkostung des Kirishima Tokujou Sencha gehen wir einen kleinen Schritt weiter im Teegartenjahr, obwohl dies im Grunde genommen eigentlich nur bedingt zutrifft. Der nächste neue Tee, den wir vorstellen, ist nämlich der Miumori Kirishima Sencha, bei dem das Thema des Ernte-Zeitpunkts bereits etwas ausführlicher beleuchtet werden muss. Zunächst allerdings das, was beim Miumori Kirishima Sencha am einfachsten zu verstehen ist: Er besteht fast komplett aus dem Blättern von aus Samen gezogenen Sträuchern, die im japanischen den Namen Zairai tragen.

Miumori Kirishima Sencha
Miumori Kirishima Sencha

Nun aber zurück zum Erntezeitpunkt: Es handelt sich beim Miumori Kirishima Sencha um ein facettenreiches Cuvée aus Blattgut der ersten Ernte, die Ende April stattfindet, und der zweiten Ernte, die etwa sechs Wochen später, also Anfang Juni durchgeführt wird. Der Anteil des Blattguts der zweiten Ernte ist allerdings sehr fein geerntet und gut sortiert, sodass es auf den ersten Blick durchaus so wirkt, als handele es sich ausschließlich um Blattgut der ersten Ernte. Während wie bereits erwähnt, fast das komplette Blattgut von aus Samen gezogenen Pflanzen, also Zairai-Tee-Sträuchern stammt, wurden diese jedoch sowohl unterschiedlich angebaut als auch unterschiedlich verarbeitet. Ein Teil der Blätter stammt nämlich aus beschattetem Anbau [ kabuse saibai ], ein anderer Teil aus nicht beschattetem Anbau [ roji saibai ], ein Teil wurde flach gedämpft [ asa-mushi ], und ein Teil wurde tief gedämpft [ fuka-mushi ].

Shutaro und Kenji Hayashi während der Präsentation ihres Kirishima Teegartens
Shutaro und Kenji Hayashi während der Präsentation ihres Kirishima Teegartens

Während die Partien der flach gedämpften Zairai eher typisch für Zairai schmecken, ist der Charakter der tiefer gedämpften Zairai eher allgemein und kein großer Unterschied zu tiefer gedämpften anderen Sorten, denn je tiefer gedämpft wird, desto mehr verschwinden die geschmacklichen Unterschiede der verschiedenen Teestrauchsorten. Sicherlich ist klar, dass wiederum der beschattete Anteil der Sencha-Blätter im Miumori Kirishima Sencha eine besonders schöne Süße in den Tee bringt, und die kurz gedämpfte Zairai der ersten Ernte dagegen eine schöne Leichtigkeit. Dafür, dass es sich wie bei all unseren Tees um einen „gartenreinen Tee“ handelt, also nicht ein Cuvée von verschiedenen Teeherstellern, wie es am Markt eigentlich eher üblich ist, und darüberhinaus wie gesagt auch fast nur Blätter der Zairai-Sträucher verwendet werden, kommen dennoch unglaublich viele Facetten in diesem Tee zusammen, die für seinen geschmacklich sehr zugänglichen und ebenso leicht zuzubereitenden Charakter sorgen.

Dinner nach dem Kirishima Tee Seminar 2016
Dinner nach dem Kirishima Tee Seminar 2016

Schließlich genießen Shutaro und Kenji zusammen mit all unseren Gästen und uns das wunderbare Abendessen, das Tobias zusammen mit zwei ganz besonderen Köchen aus Berlin zubereitet hat, die dafür eigens angereist sind. Dass es sich ausschließlich um biologisch angebaute Zutaten handelt, ist denke ich selbstverständlich für alle, die unsere Seminar und Workshops kennen, doch die Eleganz des heutigen Dinners ist sicherlich nicht selbstverständlich, sondern vielmals dem besonderen Anlass angemessen, dass Shutaro und Kenji Hayashi extra den weiten Weg zu uns angetreten sind, wie auch viele unserer Kunden, die wir nach dem weiten Weg auch entsprechend verwöhnen möchten.

Welcome Kirishima Party am Abend nach dem Seminar
Welcome Kirishima Party am Abend nach dem Seminar