Ein Tag ganz der Keramik gewidmet

Wir werden von der Sonne geweckt. Es ist ein wunderschön-sommerlicher Tag und wir freuen uns diesen ganz der Keramik zu widmen. Im vergangenen Jahr hatten wir das Glück zwei Keramiker kennenlernen zu dürfen, deren künstlerischer Werdegang und deren Stilrichtungen kaum kontrastreicher sein könnten, ganz besonders auch, was den Stil ihrer Matchaschalen betrifft. Wir sind daher schon voller Vorfreude, beide heute wieder treffen zu können.

Vormittags führt es uns zu Yoshiko, die im letzten Jahr für uns eine Reihe von insgesamt fünf Matchaschalen-Unikaten, die jeweils einen anders dargestellten Mejiro-Vogel als Motiv tragen, mit dem Pinsel bemalt hat. Die über 80-jährige Künstlerin hat in den 1960er  angefangen sich mit Keramik zu beschäftigen. Zu dieser Zeit bis Anfang der 1980er Jahre hat sie selbst Matchaschalen, Yunomi und andere Keramik für die Teezeremonie gefertigt. Nachdem jedoch Anfang der 80er Jahre ihr Sohn beschloss selbst Töpferei zu studieren, zog sie sich aus dem künstlerischen Bereich der Keramik zurück, mit den Gedanken, ihr Sohn möge sich in der Welt der Keramik ganz frei entfalten, ohne von ihr beeinflusst zu werden. Seitdem konzentriert Yoshiko sich auf die Bemalung von Matchaschalen.

Neben zwei von Yoshiko bemalten Matchaschalen finden wir einen kleinen Gegenstand dessen Funktion uns zunächst einmal nicht klar ist. Es handelt sich um ein kleines Wassergefäß, das man benötigt um für die Kaligraphie-Malerei Tusche anzurühren. Durch ein kleines Loch lässt sich das Wasser tröpfchenweise dosieren, sodass die Konsistenz der Tinte nicht zu trocken ist, aber auch nicht verwässert. Dietmar erinnert sich gleich daran, als er vor ein paar Jahren die Kanji-Kaligrafien für unsere Tee-Verpackungen mit dem Pinsel entwarf, wie schwierig es war das Wasser für die Kaligraphie-Tinte richtig zu dosieren. Interessant an dem Wassergefäß ist auch, dass es die erste gemeinsame Arbeit von Mutter und Sohn darstellt. Yoshiko stellte formte das winzig-kleine Gefäß, wobei ihr Sohn die besondere Glasur herstellt und auftrug. Von dieser kleinen Serie, die Ende der 1980er Jahre gefertigt wurde, ist heute nur noch ein Exemplar in der Werkstatt der beiden geblieben. Heute wechselt es den Besitzer gewechselt. Unabhängig vom praktischen Nutzen des Gefäßes, begeistern uns die Form und der Charakter der Glasur.

Keramikmeister Kato Juunidai

Den Nachmittag verbringen wir in der Werkstatt von Keramikmeister Kato Juunidai (Kurzportrait des Keramik-Künstlers Kato bei Teeraumdesigner), einem Keramik-Meister in der zwölften Generation seiner Familie. Die Geschichte der Familie zeigt auf sehr anschauliche Weise Höhen und Tiefen, sowie spannende Kehrtwenden in der japanischen Keramik-Tradition. Bis zur Generation seines Urgroßvaters stellte Familie Kato Geschirr für Kaiseki Ryori, die Mahlzeit, die einen Teil einer ausführlicheren Teezeremonie darstellt, her. Beim Kaiseki Ryori werden sehr viele kleine leichte Speisen, die kunstvoll dekoriert wurden, gereicht. Traditionell, aufgrund der Herkunft aus dem Zen-Buddhismus ist Kaiseki Ryori rein vegetarisch. Wir durften 2006 einmal in einem Zenkloster in der Nähe von Uji Kaiseki Ryori genießen. Wir erinnern uns heute noch an die Begeisterung über die Vielfalt und Schönheit der vielen kleinen Speisen, die auf wunderbar gestalteten Schälchen und Tellern dargereicht wurden.

Historische Methode um neuer Keramik Patina zu verleihen: Pflanzenbrühe zum Einfärben des Craquelés

Kato Juunidais Großvater begann erst im hohen Alter von der Tradition seiner Familie abzuweichen, und sich weniger der Keramik für Kaiseki Ryori zu widmen, an anstelle dessen seine ganze Aufmerksamkeit der Erschaffung von besonderen Matchaschalen zu widmen. Dabei verwendete er die Tonerde der Region, diese jedoch nicht, wie üblich für die Herstellung von Kaiseki Geschirr, in gereinigter Form, sondern im Zustand, wie sie in der Natur auftritt. Im Ton enthalten sind daher auch Eisenbestandteile und Silikate, wodurch die Struktur weniger geschlossen, und der Ton etwas poröser ist. Ebenso ist auch die Farbe des Tons nicht so einheitlich. Einige der Werke der 10. Generation der Keramikerfamilie Kato (Kato Juunidai) tendieren daher durch die Verwendung der unbehandelten Tonerde mehr ins Gelbliche, andere eher ins Rötliche, während der gereinigte Ton hellgrau ist. Bis zu seinem Tod entwarf Herr Katos Großvater eine Vielzahl sehr unterschiedlicher, einzigartiger Matchaschalen-Unikate, die bislang nur in einschlägigen Teezeremonie- und Künstlerkreisen bekannt sind.

Die folgende Generation der Familie-Kato, die 11. Generation (Kato Juuichidai), zu der der Vater des heutigen Herrn Kato zählt,  war im Vergleich zur den Vorfahren weniger künstlerisch motiviert. So kam es, dass der Familienbetrieb zu einer Werkstatt für die Keramikherstellung in größeren Serien umgestaltet wurde. In einer großen Fabrik fertigten zu jener Zeit viele Angestellte einfache Haushaltskeramik in großen Stückzahlen.

Mit dem sinkenden Interesse an Keramik in Japan und gleichzeitig dem immer höherem Preisdruck im Bereich der Haushaltskeramik musste der Familienbetrieb, den Herrn Katos Vater zu einen Betrieb für die serielle Keramikherstellung umgestaltet hatte, gegen Ende des letzten Jahrhunderts Konkurs anmelden. Die alte Fertigungshalle sehen wir noch verwahrlost beim Vorbeifahren, doch dies hat sein Gutes, ja es stellt sogar die Grundlage für den Charakter der Werke des heutigen Keramikmeisters Kato Juunidai, und somit für den Werdegang der 12. Generation der Künstlerfamilie dar.

Herr Kato selbst schlug bereits in seiner Jugend – heute ist er über 60 Jahre alt – einen anderen Weg als sein Vater (Kurzportrait des Keramik-Künstlers Kato bei Teeraumdesigner). Kennzeichnend für die heutige, also die 12. Generation, ist ein sehr enges Verhältnis zu seinem Großvater und die Bewunderung von dessen Werken. Gemeinsam arbeiteten die beiden an Matchaschalen (Japanisch: Chawan) und so ging das Wissen über das künstlerische Geschick vom Großvater an den Enkel über. Kato Juunidai machte sich zur Aufgabe die Töpfereitradition seiner Familie wiederzubeleben und weiterzuführen, also auch sich der Publikation der Werke zu widmen. Er fertigt seine keramischen Werke nun wie in den älteren Generation wieder ausschließlich in Handarbeit. Dabei handelt es sich um einzigartige Kaiseki Keramik und Matchaschalen. Durch den Austausch mit uns im vergangenen Jahr ergab sich zudem ein neues Projekt, nämlich dass Herr Kato began, die Tradition der Matchaschalen im Stil der 10. Generation – also des Großvaters – wieder aufleben zu lassen. Die ersten Werke mit dem Hintergrund dieser Entstehungsgeschichte sind bereits auf dem Weg zu uns nach Frankfurt, und werden bald an entsprechenden Orten erhältlich sein.

 

Meister Katos Glasurtypisierung nach Glasurbestandteilen und Brenntempertur jeweils für Oxidations-und Reduktionsbrand (hier: Reduktionsbrand)

An der Geschichte der Künstlerfamilie Kato lässt sich sehr schön erkennen, wie sich die japanische Gesellschaft nach dem zweiten Weltkrieg wandelte. Von einer nach innen gekehrten eher handwerklich orientierten Richtung, über den industriellen Markt mit großen Serien, bis hin zur Rückbesinnung auf die eigenen Kulturtechniken, jedoch ohne dabei rückwärtsgewandt zu sein – gewissermaßen eine neue Interpretation und sanfte Abwandlung des Althergebrachten mit dezent eingebrachten, neuen Elementen. Herr Kato schwelgt nicht in alten Geschichten, ist weit davon entfernt Nostalgie zu verbreiten. Vielmehr hat er einen Platz für seine Keramik-Tradition in der modernen Welt gefunden und ist bestrebt sein Wissen und seine Ideen weiterzuentwickeln und mit anderen Menschen zu teilen. Wir sind begeistert von seinen Werten und Werken, und sind dankbar diese Energie mit seinen Keramiken nach Europa tragen zu dürfen.

Neuigkeiten aus Mie: Iwao und Kimihiko Hayashi

Unsere heutige Verabredung führt uns in die etwa 100km östlich von Kyoto gelegene Präfektur Mie. In Mie wird seit über 800 Jahren Tee angebaut. Die ersten Teesamen, die hier in die Erde gebracht wurden, kamen aus Kyoto, nachdem diese aus China nach Japan gekommen waren.

Wir treffen heute Iwao Hayashi und seinen Sohn Kimihiko. Dieses Jahr holt uns Kimihiko mit dem Auto vom Bahnhof ab. Noch während der Fahrt fragen wir, wie weit denn seine Teesträucher schon ausgetrieben sind, und erzählen von anderen Teegärten, bei denen dieses Jahr die Teesträucher recht spät oder noch gar nicht begonnen haben auszutreiben, selbst in weiter südliche gelegenen, wärmeren Regionen. Auch Kimihiko Hayashi berichtet, dass seine Teebüsche ebenfalls um die sieben bis zehn Tage später dran sind, als im Durchschnitt der letzten Jahre. Es ist also auch für Mie ein recht spätes Jahr. 2016 war, was den Erntezeitpunkt in Mie angeht, ein durchschnittliches Jahr mit Erntebeginn am 5. Mai.

frische Triebe im Bio-Teegarten von Iwao Hayashi

Für 2017 ist der Erntetermin noch nicht abzusehen, doch Kimihiko rechnet mit einem Tag um dem 10. Mai, sein Vater Iwao mit einem noch späteren ersten Erntetag, je nachdem wie sich das Wetter in den nächsten Wochen entwickeln wird.

Mehr zum Thema Shincha auch in unserem Shincha-Blog 2017.

Weil wir nach dem Austreiben der jungen Sprosse gefragt haben, bietet uns Kimihiko an, einen experimentellen Teegarten von einem benachbarten Betrieb zu besuchen, der von einem Gewächshaus umgeben wird. Die Betreiber des Anbauprojekts bauen hier unter weitgehend kontrollierten Bedingungen Tee an. Diese Art der Kontrolle über Anbaufaktoren ermöglicht verschiedene Düngemittel in ihrer Wirkung direkt miteinander vergleichen zu können, ohne störende Nebeneffekte durch unterschiedliche Standorte, verschiedenartige Bodenbeschaffenheit oder unterschiedliche Mengen an Niederschlag. Tobias erinnert das sehr an seine Uni-Zeit am Institut für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung. Natürlich handelt es sich bei dem vorliegenden Projekt nicht um einen Bio-Teegarten, da das Betreiben eines Gewächshauses und der damit einhergehende hohe Energieverbrauch nicht mit der Idee einer ökologischen Anbauweise von Tee zusammenkommen kann. Hier sehen wir schon deutlich größere Triebe, die in der nächsten Woche zur Ernte bereit sind.

frische Triebe im Tee-Gewächshaus (Kabuse Yabukita) in einem experimentellen Teeanbau-Projekt
frische Triebe im selben Anbau-Projekt im Freiland (Yabukita) zum Vergleich

Möglich ist das frühe und schnelle Wachstum in der Region Mie aber nur durch den Anbau im Gewächshaus. Innen herrschen Temperaturen um die 28°C bis 30°C und nachts wird das Gewächshaus zum Teil beheizt, damit die jungen Triebe nicht durch Nachtfröste wieder absterben.

Heizung im Gewächshaus

Um den Faktor Wasserverfügbarkeit kontrollieren zu können, muss künstlich bewässert werden. Für das etwa einen Viertel Hektar große Feld werden 3000 Liter Wasser pro Tag benötigt. Auch obwohl diese Menge recht groß erscheint, so ist das im Vergleich zum natürlichen Regen nicht viel, weshalb der Tee aus dem Gewächshaus wenig intensiv schmeckt. Um eine schöne Farbe zu erreichen, werden hier die Pflanzen für etwa eine Woche beschattet. Dass der Tee nun nicht so außergewöhnlich intensiv schmeckt, erscheint jedoch nicht so schlimm, denn er wird gar nicht getrunken, sondern am Ise Schrein, einem der wichtigsten japanischen Nationalschreine, als Opfer den Göttern dargebracht. Dass es der allererste Shincha aus der Region ist, macht ihn besonders und damit würdig dort geopfert zu werden. Leider ist das aber kein Bio-Tee, aber die japanischen Götter trinken ihn ja auch nicht.

Am Haus der Familie Hayashi angekommen, treffen wir nun auch Iwao Hayashi und seine Frau. Auch wenn es dem 80-jährigen Iwao gesundheitlich gerade nicht ganz so gut geht, ist er zu Scherzen aufgelegt. Er ist im Moment etwas schlecht zu Fuß, jeder Schritt fühlt sich unangenehm an. Es wird aber seit ein paar Tagen wieder besser, sodass er damit rechnet zur Ernte wieder ganz in Form zu sein. Er räumt auch ein, dass er ja schon 80 Jahre alt ist, und im Verhältnis dazu durchaus noch sehr vital. Bei der Frage, wie es seiner Frau geht, antwortet er nur scherzhaft, sehr gut, aber sie sei ja auch noch jung: 6 Jahre jünger als er. Auf uns wirken beide sehr fidel.

Kimihiko und Iwao Hayashi in ihrem Bio-Teegarten in der Präfektur Mie

Im vergangenen Jahr haben wir Iwaos Enkel Shuhei kennengelernt, der seit mittlerweile zwei Jahren im Familienbetrieb arbeitet. Bei unserem letzten Besuch war er gerade mit der Tee-Ernte beschäftigt. Der Großvater berichtet voller Stolz, dass der Enkel seine Arbeit sehr gut macht.  Auch erfahren wir, dass der 23-jährige Shuhei im vergangenen Jahr geheiratet und eine Tochter bekommen hat. Darüber ist der Urgroßvater Iwao Hayashi natürlich auch sehr stolz.

Iwao berichtet davon, dass es seit Februar sehr viel geregnet hat und fügt noch an, dass viel Regen im Februar und März sehr gut für den Geschmack des Tees der ersten Ernte ist. Die Pflanzen sammeln in dieser Zeit die Energie für die neuen Triebe – den Shincha und Tokujou Sencha. Er rechnet also mit einem guten Teejahr 2017. Obwohl es noch ein bisschen dauert bis die neuen Tees geerntet werden können und wir die ersten Muster verkosten dürfen, freuen wir uns aber jetzt schon sehr darauf.

Watanabe Shincha 2017: Kuritawase & Asatsuyu Update

Nachdem wir gestern ein neues Foto von Herr Matsumoto aus der Präfektur Kumamoto erhielten, auf dem die Fortschritte der neuen Triebe der Teegartenparzelle zu sehen sind, von deren Teesträuchern er die Blätter für den sagenhaften Shincha MOE erntet, widmen wir uns heute kurz den neuesten Shincha-Geschehnissen auf Yakushima.

Frau Goto, die Mitarbeiterin des Teegartens von Mankichi Watanabe und seinem Sohn Keita Watanabe, ließ uns kürzlich wissen, da am 13. April 2017 der erste Teil der Kuritawase Sträucher geerntet wurde. Vor zwei Jahren erlebten wir bereits Ende März, wie im Teegarten von Herrn Watanabe die Blätter von der Strauchvarietät Kuritawase geerntet wurde – ein außergewöhnlich frühes Jahr 2015. Nun, 2017, handelt es sich um ein recht spätes Jahr, und tatsächlich wurde die Strauchvarietät Kuritawase nun erst am 13. April 2017 geerntet, obwohl es die frühest austreibende Teestrauchvarietät im Teegarten von Mankichi Watanabe ist, die er für die Hertellung unsere „Watanabe Kabuse Shincha“ verwendet.

Umso interessanter ist aber, dass die zeitlichen Verhältnisse im Vergleich der unterschiedlichen Teestrauchvarietäten sich ebenfalls ändert. Während im Jahr 2015 die Ernte der Kuritawase-Sträucher bereits Ende März stattfand, so wurden die Sträucher der Varietät Asatsuyu jedoch erst knapp zwei Wochen später fast schon Mitte April 2015 geerntet. Der zeitliche Abstand zwischen Kuritawase und Asatsuyu betrug also fast zwei Wochen. Dieses Jahr jedoch, also 2017, wurden die ersten Blätter für die Watanabe Kabuse Shincha von der Teestrauchvarietät Kuritawase erst am 13. April geerntet, doch erklärte uns Frau Goto, dass der zweite Erntetag der 15. April 2017 sei, also heute, und dass nun der zweite Teil der Kuritawase-Sträucher und zudem bereits der erste Teil der Strauchvarietät Asatsuyu geerntet wird.

Während der zeitliche Unterschied des Erntezeitpunkt bei Mankichi Watanabe’s Teegarten auf der Insel Yakushima ganz im Süden Japans also 2015 fast zwei Wochen betrug, so sind es nun im Jahr 2017 nur zwei Tage. Uns erwartet demnach nun dieses Jahr auch wieder ein spannender Watanabe Kabuse Shincha, dessen Charakter aufgrund des Cuvées aus Kabuse Kuritawase, Kabuse Sae Midori und Kabuse Asatsuyu zwar eine deutliche geschmackliche Stabilität aufweist, aber durch die jedes Jahr wirklich unterschiedliche klimatische Situtation auch immer wieder überraschende Noten zeigen wird.

Teegarten von Iwao Hayashi in der Präfektur Mie
Teegarten von Iwao Hayashi in der Präfektur Mie

Als Vergleich noch ein Foto, das wir heute im Bio-Teegarten von Iwao und Kimihiko Hayashi in der Präfektur Mie aufgenommen haben. Die Mie-Präfektur liegt grob gesagt etwa in der Höhe von Nagoya, alsa nur etwas mehr als einhundert Kilometer entfernt von der Kyoto-Präfektur. Somit liegt die Präfektur Mie etwa 600 bis 700 Kilometer nördlich von Yakushima, wo ja bereits vor zwei Tagen der erste Shincha geerntet wurde. Hier, in Mie, sieht man aber wirklich nur die allererstes, extrem kleinen Blattknospen. Während der Sohn Kimihiko Hayashi den ersten Erntetag auf den 10. Mai schätzte, belief sich die Schätzung des Vaters Iwao Hayashi auf den 20. Mai, denn es ist wirklich noch recht kühl in Mie dieses Jahr.

Erster Teegartenbesuch 2017: Ujitawara

Heute steht schon unser erster Teegartenbesuch auf dem Programm. Wir bleiben in der Präfektur Kyoto und fahren ins südöstlich gelegene Ujitawara. Hier sind wir in einem Teegarten verabredet, den wir schon seit über 11 Jahren kennen. Damals führten wir mit dem Besitzer des Teegartens ein Interview, in dem es hauptsächlich um die Einstellung zur Bio-Produktion und zur Bio-Zertifizierung ging.

Heute kommen wir als Tee-Importeure zurück dorthin. Man erinnerte sich noch ganz gut an die beiden großen schlanken Männer aus Frankreich… Naja, eigentlich aus Frankfurt, aber zu dieser Verwechslung kam es damals auch schon, da wir „viel zu schlank sind, als dass wir aus Deutschland kommen könnten“, wie wir hören.

Als erstes gibt es natürlich sehr viel zu erzählen. In der Zwischenzeit hatten wir ja unsere Abschlüsse gemacht, für die wir damals das Interview geführt hatten. Natürlich kommt es auch zur Frage, ob denn die Abschlussarbeit, für die Interviews gemacht wurden, denn auch gut gelaufen sei. Zum Glück war sie das. Auch im Teegarten hat sich einiges gewandelt, wurden noch bis vor ein paar Jahren fast ausschließlich Teesträucher der Varietäten Yabukita und Komakage angebaut, so wurde vor kurzem ein neues Feld mit Oku Midori und Sae Midori angelegt.

Oku Midori kennen wir als süße Strauchsorte, die zwar eine schöne Farbe hat, diese aber nicht so leicht in den Teeaufguss übergehen lässt. Aufgrund der leicht ins bläulich-grün tendierenden Farbe der Teeblätter eignet sie sich auch gut zum Herstellen Matcha: Der Miumori Matcha und der Morimoto Matcha Gyokujou sind beide aus 100% Oku Midori. Sae Midori ist in der ersten Ernte ebefalls sehr grün, viel interessanter ist jedoch das intensive umami, auch schon bei kürzer Beschattung. Wir kennen die Strauchsorte schon vom Kirishima Gyokuro und auch hier in Ujitawara ist geplant, daraus später Gyokuro zu produzieren. Wenn man den künftigen Erntezeitpunkt betrachtet, sind beide neu angepflanzten Strauchsorten komplementär: Sae Midori gehört zu den frühen Varietäten, die bis zu einer Woche früher austreibt, im Vergleich zu Yabukita-Sträuchern am selben Standort, während Oku Midori zu den späten Varietäten zählt, die etwa 4Tage bis zu einer Woche später austreibt, als Yabukita. Durch die neuen Sorten entzerrt sich dann auch der Erntepeak, der während der Ernteperiode immer wieder eine Herausforderung darstellt. Wenn alle Sträucher zur gleichen Zeit reif, im Sinne von optimaler Blattgröße und Blattdicke für die Verarbeitung sind, reichen oft die Kapazitäten der Verarbeitungsanlage nicht aus. Andererseits macht es auch keinen Sinn eine größere und damit auch teurere Anlage anzuschaffen, nur um diese dann an ein-zwei Tagen im Jahr wirklich auszulasten, um von der Erntearbeit einmal ganz zu schweigen.

Yabukita kennt sicher jeder Sencha-Trinker. Die Strauchsorte galt lange Zeit als guter Standard und hat seit den 1960er Jahren die damals noch üblichen Zairai-Pflanzen (samengezogene, nicht-sortenreine Teepflanzen) abgelöst. Etwa 70 bis 80% der Teesträucher in Japan sind Yabukita-Sträucher. Die Tendenz ist jedoch eher fallend. Immer mehr Gärten legen mehr Wert auf eine größere Vielfalt und tauschen die eher schädlingsanfällige Yabukita gegen spannendere Strauchsorten aus. Von der Komakage haben wir hier zum ersten Mal gehört. Sicherlich wurde das auch beim Interview erwähnt, aber damals waren unsere Japanisch-Kenntnisse noch nicht so gut, sodass wir leider nicht alles verstanden haben. Die Komakage ist eine sehr alte Strauchsorte, die durch große eher breitere, hell-grüne Blätter gekennzeichnet ist. Sie treibt sehr spät aus. Wir sehen auch den direkten Vergleich zwischen Yabukita und Komakage. Während wir bei der Yabukita schon ganz kleine Knöspchen sehen, ist bei der Komakage noch gar nichts zu sehen. Leider ist sie im Anbau etwas unpraktisch, weil sie sehr dicke Stämme bildet, die man nur schwer zur Verjüngung zurückschneiden kann, weshalb sie nach und nach aus dem Anbau verschwindet.

Auf dem Bild seht ihr wie weit die neuen Triebe, hier handelt es sich um Yabukita-Sträucher, in Ujitawara sind. Es dauert also noch eine ganze Weile bis hier der neue Tee geerntet werden kann. Auf unserem Shincha-Blog seht ihr, wie es hingegen schon in Kumamoto aussieht. Auch aus Yakushima gibt es Neuigkeiten. Der erste Erntetag war tatsächlich der 13.April, an dem Mankichi Watanabe die Kuritawase für den Watanabe Kabuse Shincha geerntet und verarbeitet hat.

Shincha MOE – Neuigkeiten aus dem Teegarten von Herrn Matsumoto

Vor wenigen Minuten erreichte uns die neueste Nachricht von Herrn Matsumoto, der für uns zur Zeit fast täglich ein Foto in seinem Teegarten aufnimmt, und uns zuschickt. Dabei geht es immer genau um die Teegartenparzelle, von deren Teesträuchern Herr Matsumoto die Blätter für den Shincha MOE erntet. So kann man wunderbar beobachten, wie die feinen jungen Triebe Stück für Stück weiter austreiben, bis sie die perfekte Größe und Beschaffenheit erreicht haben, dass Herr Matsumoto sie für den Shincha MOE ernten kann.

Die Teegartenparzelle, von dem die Blätter für den Shincha MOE stammen, fotografiert von Herrn Matsumoto am 14. April 2017
Die Teegartenparzelle, von dem die Blätter für den Shincha MOE stammen, fotografiert von Herrn Matsumoto am 14. April 2017

Den unverkennbar schönen Teegarten, in dem Herr Matsumoto die Yabukita-Sträucher anbaut, deren Blätter er in sehr jungem Stadium für den außergewöhnlich fein geernteten Shincha MOE verwendet, ist leicht wiederzuerkennen: Im Hintergrund schaut man auf eine idyllische Meeresbucht in der Präfektur Kumamoto.

Auch von Frau Goto, einer Mitarbeiterin im Teegarten von Mankichi Watanabe und seinem Sohn Keita Watanabe, erhielten wir heute eine Nachricht, wie sich dort die Teesträucher weiterentwickeln, und welche Teestrauchvarietäten für den Shincha dieses Jahr an welchem Tag voraussichtlich geerntet werden oder auch schon bereits geerntet wurden. Mehr dazu schreiben wir in unserem morgigen Blog-Beitrag hier im Shincha Blog 2017.

Ankunftstag in Kyoto

Wie könnte ein Japan-Tee-Reise-Blog besser beginnen als mit der Kirschblüte. Die Kirschblüte liegt zwar ein ganzes Stück früher als die Ernte des ersten Tees des Jahres, des Shincha, wenn man beide Ereignisse innerhalb einer Region betrachtet und doch überlappen sie sich, wenn man bedenkt, dass die Kirschblüte im Norden Japans oft mit dem ersten Shincha aus dem Süden Japans zeitlich zusammentrifft. Die Vollblüte, der Höhepunkt der Blütenpracht kann nur wenige Tage her sein. Nur ein paar Blütenblätter fliegen im Wind, während die Bäume noch prächtig aussehen.

In diesem Jahr ist es noch recht kalt. Wir haben schon Jahre erlebt, in denen die Kirschblüte in dieser Region, wir sind in Kyoto, zwei-drei Wochen früher im Jahr lag. Ebenso verhält es sich auch mit dem Tee. Vor ein paar Tagen haben wir von Mankichi Watanabe gehört, dass wohl heute, der 13.April der allererste Erntetag in seinem Teegarten auf Yakushima, ganz im Süden in der Präfektur Kagoshima, sein wird. Das Datum hatte sich immer weiter verschoben. Erst hieß es noch, dass am 7.April die Ernte losgehen würde, aber weil es weiterhin kalt und regnerisch war, sind die Teepflanzen so langsam gewachsen dass Mankichi doch noch warten musste. Vor zwei Jahren waren wir Ende März in Yakushima und haben zu dem Zeitprunkt schon den ersten Erntetag erleben dürfen. Die Natur ist also etwa zwei Wochen später dran als gewöhnlich.

Auch für uns ist dieses Jahr ungewöhnlich. So sind wir es aus den letzten Jahren gewöhnt, in Deutschland bei Kälte und oft auch Regen ins Flugzeug zu steigen und in Japan von Sonne und angenehmer Wärme begrüßt zu werden. In diesem Jahr kommen wir etwas wärmeverwöhnt aus Frankfurt an und werden in Osaka von einer kühlen Brise begrüßt. Um uns vom Flug etwas zu erholen machen wir nach unserer Ankunft in Kyoto erst einmal einen Spaziergang und genießen den kühlen Wind und die ersten Sonnenstrahlen.

In einem Antiquariat springt uns von weitem schon ein Buch über Matchaschalen ins Auge, ganz so müde können wir also gar nicht sein. Beim weiteren Stöbern entdecken wir ein spannendes Buch über die Keramikstile der verschiedenen Töpferorte. Wir können uns nicht zurückhalten und müssen es, allein zu Bildungszwecken mitnehmen. Für uns ist das Blättern in dem Buch auch schon ein kleiner Vorgeschmack auf die kommenden Tage, denn in diesem Jahr stehen neben Teegärten auch verschiedene Keramikwerkstätten auf unserem Programm.

Shincha 2017 – Die Einflussfaktoren Lage, Teestrauchvarietät und Produktionsstil

Während im Teegarten von Mankichi Watanabe auf der Insel Yakushima, dem frühesten Shincha-Anbaugebiet Japans abgesehen vom noch weiter südlich gelegenen Okinawa, bereits die jungen Blatttriebe mehrere Zentimeter weit ausgetrieben sind, sind in nördlicheren Teeanbaugebieten Japans, wie Shizuoka oder Saitama, noch gar keine neuen Blatttriebe des Jahres 2017 zu sehen. Nachfolgend haben wir einen ersten Versuch gewagt, die zeitliche Dimension der unterschiedlichen Orte, an denen Shincha hergestellt wird, in einer Tabelle zusammen zu tragen. Natürlich ist die Liste nicht vollständig, da wir zwar zu Teegärten in relativ vielen japanischen Präfekturen enge Kontakte pflegen, in denen Shincha hergestellt wird, aber nicht zu Teegärten in allen japanischen Tee-Präfekturen.

Shincha-Ernte-Übersicht 2017, Stand 13. April
Lage Teegarten Teestrauchvarietät Voraussichtliches Shincha-Erntedatum 2017
Süd-Kyushu, Kagoshima-Präfektur, Insel Yakushima Bio-Teegarten von Mankichi Watanabe Kuritawase 13. April, HEUTE GEERNTET
Süd-Kyushu, Kagoshima-Präfektur, Insel Yakushima Bio-Teegarten von Mankichi Watanabe Yutaka Midori 14. April
Süd-Kyushu, Kagoshima-Präfektur, Insel Yakushima Bio-Teegarten von Mankichi Watanabe Sae Midori 16. April
Süd-Kyushu, Kagoshima-Präfektur, Insel Yakushima Bio-Teegarten von Mankichi Watanabe Asatsuyu 17. April
Süd-Kyushu, Miyazaki-Präfektur Bio-Teegarten von Haruyo und Shigeru Morimoto Yutaka Midori 28. April
Süd-Kyushu, Miyazaki-Präfektur Bio-Teegarten von Haruyo und Shigeru Morimoto Saki Midori 29. April
Süd-Kyushu, Kumamoto-Präfektur, Region Minamata Teegarten von Kazuya Matsumoto Yabukita 28. April
Honshu, Mie-Präfektur, Region Ise Bio-Teegarten von Iwao Hayashi Yabukita 20. Mai
Honshu, Shizuoka Präfektur Vergleichsteegarten Yabukita 22. Mai

Bei der Frage, zu welchem Zeitpunkt die Blätter für einen Shincha genau geerntet werden spielen natürlich eine ganze Menge Faktoren eine wichtige Rolle.

Dazu gehört sicherlich an erster Stelle der Faktor der Anbauregion, denn die zeitlichen Unterschiede zwischen weiter südlich und weiter nördlich liegenden Anbauregionen sind immens. Kyushu liegt dabei am weitesten im Süden Japans, mit vielen bekannten Teeanbau-Regionen wie Kirishima, Satsuma und Yakushima in der Präfektur Kagoshima, sowie den mittlerweile fast ebenso bekannten Tee-Präfekturen Miyazaki, Kumamoto, Saga und anderen. Weiter im Norden befindet sich die Insel Honshu, die sich allerdings von Südwesten bis Nordosten mehrere Hundert Kilometer in die Länge zieht. Die Teeanbaugebiete Nara, Kyoto und Mie befinden sich zwar noch relativ weit im Süden auf Honshu, allerdings schön mehrere Hundert Kilometer nördlich von Kyushu. Shizuoka und Saitama gehören nicht nur auf Honshu sondern überhaupt zu den nördlichsten Teeanbaugebieten. Der zeitliche Unterschied der Ernte zwischen dem südlichsten Kyushu und den nördlichsten Anbauregionen der Hauptinsel Honshu kann durchaus sechs Wochen betragen.

Einerseits ist also die Makro-Lage von entscheidender Wichtigkeit hinsichtlich des Erntezeitpunkt, aber auch die Meso-Lage, besonders auch hinsichtlich der Höhe, spielt keine unwichtige Rolle. Während wir in manchen Jahren bei Haruyo und Shigeru Morimoto in der Präfektur Miyazaki die ersten feinen Blätter bereits Mitte April ernten konnten, fand die Ernte der höher gelegenen Gegenden von der Präfektur Miyazaki, die für ihre Kamairicha-Produktion bekannt sind, zumeist erst drei bis vier Wochen später statt. Während sich Ende März 2017 in Yakushima bereits die ersten Blatttriebe zeigten, lag zeitgleich in den besagten höheren Regionen von Miyazaki noch der Schnee auf den Teesträuchern, und dies, obwohl die beiden Anbauregionen sich beide im Süden der südlichsten japanischen Hauptinsel Kyushu befinden.

Ein zweiter, sehr wesentlicher Faktor ist die Teestrauchvarietät, wie sich aus den ersten Zeilen der obigen Tabelle leicht erkennen lässt. Da die Teestrauchvarietät Yabukita seit Ende des 20. Jahrhunderts sich zur am weitesten verbreiteten Teestrauchvarietät in Japan entwickelte, mit ca. 70-80% aller verwendeten Teesträucher – was sicherlich auch kritisch zu betrachten ist – wird diese oft als eine Art Norm herangezogen. Spricht man beispielsweise über das Thema, welche Teestrauchvarietäten früher austreiben, und welche später, wird die Strauchvarietät Yabukita als Nullpunkt angesetzt. Während einige Strauchvarietäten wie Yutaka Midori und Kuritawase eine gute Woche früher austreiben als die Norm-Strauchvarietät Yabukita, treiben anderen Strauchvarietäten wie Asatsuyu nur einige Tage früher aus als die Varietät Yabukita. Sicherlich gibt es darüber hinaus auch Teestrauchvarietäten, die später als die Yabukita austreiben, was hier jedoch nicht näher betrachtet werden soll, da es im Fall von Shincha-Blog im Regelfall um Teestrauchsorten mit zeitlich frühen Vegetationszyklus geht. Um Missverständnissen vorzubeugen: Die besagten frühen Teestrauchvarietäten wachsen nicht schneller, nein sie treiben früher aus. Den Vergleich zwischen Schneller und weniger schnell wachsenden Teestrauchvarietäten gibt es natürlich auch. Dies hat einen wesentlichen Einfluss auf den Ernteertrag, doch ist dies eine andere Dimension als die Dimension des Zeitpunktes des Austreibens der jungen Triebe. Hier im Shincha-Blog wird daher das Thema der Wachstumsgeschwindigkeit nicht weiter thematisiert, während das Thema der zeitlichen Verschiebung der Wachstumszyklen öfter wieder aufgegriffen werden wird.

Als drittes spielt hinsichtlich des Erntezeitpunktes die Frage eine entscheidende Rolle, wie der Ernte- und Produktionsstil eines Teegartens bzw. Teemachers ist, der die Blätter für den entsprechenden Shincha erntet und verarbeitet. Solange wir nicht von Pulverteesorten (Matcha) und von lange beschatteten Teesorten (Gyokuro) sprechen, sondern von „normalen“ nicht gemahlenen Blattteesorten, und solange von modernen Tee-Produktionsstilen die Rede ist und nicht vom Produktionsstil, der bis Mitte oder spätestens Ende des 20 Jahrhunderts eher vorherrschend war, lässt sich zusammenfassend sagen, dass heutzutage feinere, jüngere, kleinere Blätter als hochwertigeres Blattgut angesehen werden. Betont sei jedoch, dass es einige wichtige Ausnahmen von dieser Verallgemeinerung gibt. Abgesehen von diesen Ausnahmen jedoch, zeichnet es einen Teemacher oder Teegarten aus, der besonders hochwertigen Tee herstellen möchte, eher fein zu ernten, oder aber fein zu sortieren. Herr Matsumoto, der mit seinem raren Shincha MOE mittlerweile sehr viel Beachtung findet, erntet dafür weit über das übliche Maß hinaus feines Blattgut. Das geerntete Blattgut ist derart fein, dass eine Sortierung gänzlich entfällt, was eine wirklich selten anzutreffende Besonderheit darstellt. Sehr fein geerntetes Blattgut bedeutet allerdings, dass sehr früh geerntet wird, denn zu einem späteren Zeitpunkt wären die Blätter nicht mehr so fein. Dies erklärt, warum die Ernte des Shincha MOE bei Herr Matsumoto relativ früh stattfindet, obwohl der in der Präfektur Kumamoto vorzufindende Teegarten vergleichsweise hoch gelegen ist.

Shincha MOE: Die ersten jungen Triebe sind bereits zu sehen

Am heutigen Tage (8. April 2017) erhielten wir von Herrn Matsumoto, dessen Teegarten sich auf der südlichsten Hauptinsel Japans, Kyushu, in der Präfektur Kumamoto befindet, die freudige Nachricht, dass bereits die ersten jungen Triebe in der Teegartenparzelle zu sehen sind, von deren Teesträuchern die Blätter für den Shincha MOE geerntet werden.

Herr Matsumotos Teegartenparzelle für den Shincha MOE am 8. April 2017
Herr Matsumotos Teegartenparzelle für den Shincha MOE am 8. April 2017

Wie auf den Fotos zu sehen ist, herrscht derzeit recht regnerisches Wetter vor, und es ist noch relativ kühl in Kumamoto, weshalb die Ernte des Shincha MOE dieses Jahr sicherlich nicht wie letztes Jahr schon vor dem 20. April stattfinden wird, sondern eher am Ende des Monats April.

Herr Matsumoto erntet für den Shincha MOE selbstverständlich nur die jungen Triebe, die auf dem Foto dank ihrer hellgrünen Farbe gut zu erkennen sind. Die älteren Blätter, die deutlich dunkler, größer und fester sind, werden nicht geerntet. MOE bedeutet übrigens „Frühlingsgrün“, und gemeint ist eben diejenige Farbe der jungen Triebe, die für den Shincha MOE geerntet werden.

Kabuse Shincha Vorbereitungen im Teegarten von Mankichi Watanabe auf Yakushima

Inzwischen sind die Vorbereitungen für den Kabuse Shincha vom Bio-Teegarten der Familie Watanabe auf Yakushima bereits in vollem Gange. Gestern erhielten wir von Frau Goto, der Mitarbeiterin von Herrn Watanabe, bereits Fotos, die Mankichis Sohn Keita Watanabe für uns in seinem Teegarten aufgenommen hat.

Watanabe Kabuse Shincha 2017
Watanabe Kabuse Shincha 2017

Die Insel Yakushima, ganz im Süden Japans, noch weiter südlich der Insel Kyushu als die anderen Anbaugebiete in der Präfektur Kagoshima, liegt rund 200 km südlich der Stadt Kagoshima. Auf Yakushima treiben die Teesträucher landesweit am frühesten aus, weshalb Yakushima gewissermaßen eine Oase für die „Teesorte“ Shincha darstellt.

Auf dem Foto, das Mankichi Watanabes Sohn Keita am 4. April 2017 aufgenommen hat, sieht man nicht nur, dass die Teesträucher für den Kabuse Shincha bereits mit schwarzen Netzen beschattet werden – die Hälfte der Arbeit des Anbringens der Netze ist bereits geschafft – sondern auch, dass zu dieser frühen Zeit bereits die jungen Blatttriebe gut zu sehen sind. Auch die hellgrüne Farbe des Teegartens verrät uns, dass die Teesträucher bereits deutlich begonnen haben auszutreiben, und schön Knospen gebildet haben, die für den Watanabe Kasbuse Shincha 2017 verwendet werden.

Umso erstaunlicher ist, dass auf dem Foto die Teegartenparzelle von Mankichi Watanabe zu sehen ist, in der die Teesträucher der Varietät Asatsuyu angebaut werden, denn dies sind nicht einmal die ersten Sträucher, die bei Herrn Watanabe austreiben. Nein, die Strauchvarietät Kuritawase ist noch früher dabei neue Triebe und Blattknospen zu bilden. Nicht mehr lange also, bis der Watanabe Kabuse Shincha 2017 geerntet werden kann!

Die Shincha-Zeitgrenze: Von Yakushima nach Shizuoka

Während bei manchen Teesorten die Analyse der Namen durchaus in die Irre führen kann, scheint dies im Fall von Shincha eher eine Möglichkeit zu sein, einen spannenden Blick hinter die Kulissen zu werfen. Der Schlüssel zu allen Überlegungen ist dabei natürlich in der ersten der beiden Silben zu finden, nämlich im „Shin“, das ganz schlicht und ergreifend „neu“ bedeutet. Beim Shincha geht es bekanntlicherweise um die ersten frischen Tees des neuen Erntejahres. Doch wann werden diese in welchen Regionen geerntet?

Vor zwei Jahren, also 2015, haben wir das Glück gehabt, ein sehr frühes Shincha-Jahr mitzuerleben, was einerseits durch die Wetterlage bedingt war, und zudem dadurch, dass wir uns genau zur rechten Zeit am rechten Ort aufhielten: So erlebten wir bereits Ende März die Shincha-Ernte bei Mankichi Watanabe auf der Insel Yakushima, die etwa 200 km südlich der Stadt Kagoshima liegt, und damit noch weiter südlich als die Insel Tanegashima. Beide Inseln, also Yakushima als auch Tanegashima, gehören zur Präfektur Kagoshima, auch wenn der Hauptteil von Kagoshima, der sich auf der Insel Kyushu befindet, nicht unweit von Tanegashima und umso mehr von Yakushima entfernt ist.

Während im Jahr 2015 die Shincha-Ernte bei Mankichi Watanabe bereits Ende März begann, so fand die Ernte in der Kirishima Region erst circa drei Wochen später statt, was angesicht der Tatsache, dass es sich immer noch um dieselbe Präfektur handelt, durchaus erstaunlich klingt. Shutaro Hayashi erntete im Jahr 2015 seinen ersten Tee (Tennen Gyokuro) der ersten Ernte etwa am 20. April. In der benachbarten Präfektur Miyazaki hingegen fand die Ernte des Morimoto Shincha bei Haruyo und Shigeru Morimoto jedoch kurz zuvor statt, was unter anderem auf die bekanntlicherweise starke Sonneneinstrahlung in Miyazaki zurückzuführen ist.

Wirklich ins Erstaunen versetzte uns allerdings, dass in den letzten Jahren in Europa bei manchen Teehändlern fast zeitgleich mit den Shincha-Sorten aus dem südlichsten Ende Japans (also Kyushu u.a. mit den Präfekturen Kagoshima, Miyazaki und Kumamoto) ein Shincha aus Shizuoka auf den hiesigen Markt kam. Wie kann das nur möglich sein? Da Shizuoka rund 1000km weiter im Norden liegt als Yakushima, grob gesagt gerade einmal etwas südlich von Tokyo, müsste doch dort die Ernte minimal vier Wochen später statt finden, wenn nicht sogar eher sechs Wochen später?

Eine Antwort, die uns wirklich zum Schmunzeln brachte, wußte uns zu dieser Frage Shutaro Hayashi zu sagen, der seinem Universitätsstudium in Kagoshima viele spannende Kontakte in der japanischen Insider-Teeszene zu verdanken hat, die immer mal wieder überraschende Dinge ans Licht bringen: Natürlich kann ein Shincha bereits kurz nach der Ernte in Yakushima und Tanegashima aus Shizuoka kommen, auch wenn dort die Ernte noch garnicht stattgefunden hat. Naja, und wie?

Dafür gibt es mindestens zwei Möglichkeiten: Zum einen gibt es in Shizuoka unzählige Tee-Großhändler und Tee-Finalverarbeiter (Japanisch: Tonya-san), die Blätter aus ganz Japan einkaufen, und dann mit einem „passenden“ Namen verkaufen. „Shizuoka Shincha“ bedeutet in deren Augen nicht, dass die geernteten Shincha-Blätter aus Shizuoka stammen müssen, sondern einfach nur, dass die finale Verarbeitung in Shizuoka stattgefunden hat. Eine interessante Interpretationsweise, die sicherlich ihre Berechtigung hat, auch wenn das nicht so ganz zu unserer eigenen Tee-Philosophie zu passen scheint.

Die zweite Möglichkeit ist aber auch nicht gerade weniger überraschend: Man kann natürlich auch die Teeblätter der Ernte im vorigen Jahr im vorverarbeiteten Zustand (Aracha) einfrieren, und dann gerade kurz bevor in anderen Regionen im folgenden Jahr geerntet wird, die Finalvearbeitung durchführen. So ist man der Erste, der Shincha auf den Markt bringt, egal wann die neue Ernte stattfindet!

Offen gesagt ist unsere Denkweise da wirklich anders, denn natürlich ist es schön schon zu einem frühen Zeitpunkt im Jahr zum Genuß eines frischen Shincha zu kommen, aber macht es nicht letztlich den wirklichen Charme eines Shincha aus, dass er wirklich frisch geerntet wurde, und nicht nur frisch schmeckt? Zudem, ist es nicht schön zu wissen, woher das geerntete Shincha-Blattgut wirklich stammt, und mitzuerleben wie der Shincha bei einem bestimmten Teegarten geerntet wurde und dessen Charakter trägt?

Aus dieser Idee ist der vorliegende „Shincha Blog 2017“ entstanden, bei dem wir so gut wie jeden Tag die neuesten Shincha-Ereignisse, vor allem bei unseren Teegarten-Partnern Mankichi Watanabe auf Yakushima, Haruyo und Shigeru Morimoto in Miyazaki, und Herrn Matsumoto in Kumamoto, mitverfolgen und darüber berichten. Und in wenigen Tagen gibt es bereits die ersten Fotos aus Yakushima!